16.03.2020, Tag 31: Abreisetag

Da der Corona-Virus dafür gesorgt hat, dass unser ursprünglicher Flug gecancelt wurde, geht es für uns heute einen Tag eher als geplant wieder zurück Richtung Heimat. Statt einer detaillierten Beschreibung unserer Rückreise, bei der alles reibungslos gelaufen ist, haben wir uns entschlossen, die Reise ein wenig Revue passieren zu lassen. Unsere Wartezeit haben wir genutzt, um folgende Fragen zu beantworten.

Wem würdest du die Spring School empfehlen?

  • Studierenden, die Interesse an dem Land und an den Religionen haben, aber auch jedem der es liebt zu reisen.
  • Am liebsten würde ich jedem eine solche Reise ans Herz legen wollen. Wir haben Israel und Palästina aus erster Hand erfahren dürfen und hatten beeindruckende Begegnungen mit den Einheimischen. Jeder, der sich auch nur ein wenig für Religion begeistern lässt, ist hier genau richtig. Doch auch Geschichtsinteressierte haben im Heiligen Land viel zu entdecken. Die Spring School ist eine einmalige Möglichkeit für Religionsstudent*innen direkt vor Ort ihr theologisches Wissen zu erweitern.

Was war der schönste Ort, den du auf der Reise gesehen hast?

  • Sorry, es müssen 2 sein: einmal Stadt, einmal Landschaft. 1. Ich liebe den Blick vom lutherischen Gästehaus über die Altstadt, den Felsendom Richtung Ölberg. 2. Das Wadi von Ein Avdat: Schlucht und Weite, Grün in der Wüste, Schatten und Sonne, erfrischendes Wasser.
  • Es fällt mir nicht schwer diese Frage zu beantworten. Der schönste Ort war definitiv der Steinaltar, der am Ufer des Sees Genezareth steht. Das leise Plätschern, die Sonne über dem See und der Dunst in der Ferne haben es mir angetan. Ich konnte mich daran nicht satt sehen. Es steht fest: Dorthin werde ich eines Tages zurückkehren.
  • Für mich war der Wadi Ein Avdat ein besonderer Ort genau wie die Wanderung dorthin. Da passte einfach alles zusammen. In der Ruhe die Natur wahrnehmen, ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Perfekt zum Genießen und Entspannen!

Was hat im Gepäck gefehlt?

  • eine Bauchtasche
  • Tagebuch bzw ein schönes Buch zum mitschreiben
  • ein Coffee to Go Becher?!
  • Platz für Souvenirs (ein paar Kilos im Koffer)

Wie würdest du die Spring School mit drei Worten beschreiben?

  • Lehrreich, lebenslange Bereicherung, wunderschön!
  • Bewegend, erlebnisreich, bereichernd
  • Fesselnd, herzlich, unvergesslich
  • Ereignisreich, emotional, spirituell

Was war dein bestes Erlebnis in den letzten 4 1/2 Wochen?

  • Das schönste Erlebnis der Reise war nach den von Hektik geprägten Tagen in den Krater in Mitzpe Ramon hinterzusteigen und beim Laufen durchs unwegsame Gelände die Reise zu reflektieren.
  • Eins meiner schönsten Erlebnisse auf der Reise war der gemeinsame Abend in Bethlehem im Restaurant bei Ahmed. Es wurde viel gelacht, getanzt und lecker gegessen, ich haben habe das Gefühl das wir dort als Gruppe zusammengewachsen sind.

Was hat dich am meisten bewegt?

  • Die Mauer zwischen Palästina und Israel hat mich persönlich sehr bewegt, es war eine noch nie vorher gesehe Situation, mit der ich erstmal umgehen lernen musste.
  • Auf der Reise haben wir viele Leute getroffen, die eine ganz eigene Geschichte haben, die sie mit uns geteilt haben. Mich hat am meisten bewegt, wie die Menschen mit diesen Schicksalen umgehen. Viele Menschen haben trotz einer ziemlich auswegslosen Situation eine enorme Leidenschaft und Hoffnung in sich, mit der sie das Beste aus der Situation machen. Viele Menschen, die wir getroffen haben, hatten zwei unterschiedliche Gesichter. Eins, das lächelt und hoffnungsvoll auf die Zukunft schaut, vor allem im Vertrauen auf Gott und ein zweites, das von den Narben der Vergangenheit und des Leidens geprägt ist. Mich hat es bewegt zu sehen, wie viele gebrochene Menschen es in Israel und Palästina gibt, aber gleichzeitig hat es mich auch bewegt, wie herzlich und offen uns diese Leute begegnet sind und das Positive in ihren Leben in den Vordergrund stellen können.
  • Am meisten bewegt hat mich die Begegnung mit den Mitglieder*innen des Parents Cyrcle. Die persönlichen Schicksale, aber auch der Mut eine bessere, gewaltfreie Welt schafen zu wollen haben mich nachhaltig sehr beeindruckt.

– Frieda

15.03.2020, Tag 30: Ein letztes Mal Jerusalem

Ich habe unseren letzten Tag in Jerusalem schon vor dem Sonnenaufgang begonnen, nachdem ich das Glück gehabt hatte vor zwei Tagen einen wunderschönen Sonnenaufgang in der Wüste erleben zu dürfen wollte ich heute einen über den Dächern Jerusalems erleben. Eine ganze Weile war nichts zu sehen, aber nachdem plötzlich die Beleuchtung der goldenen Kuppel des Felsendoms ausging, war eine gewisse Spannung da. Wenige Minuten später war es dann soweit und man konnte von der Dachterrasse des lutherischen Gästehauses die Sonne über den Dächern aufgehen sehen. Es war ein sehr beruhigendes und besonders schönes Erlebnis.

Nach dem Frühstück trafen wir uns dann auch mit der ganzen Gruppe, um die neusten Informationen zum Thema Einschränkungen wegen Corona zu besprechen. Aufgrund der über Nacht verschärften Sicherheitsauflagen wwurden alle Gottesdienste bis auf weiteres ausgesetzt, weshalb wir nicht am Gottesdienst in der Erlöserkirche teilnehmen konnten. Ausgleichend dafür haben wir eine kleine Andacht und Bibelarbeit zum Text Lukas 9,52-67 gemacht. Bei der kurzen Runde über den Text wurde klar, dass die Aussage Jesu in dem Text recht verschieden aufgefasst wird, einige sahen in ihr schon fast rebellische Züge gegen die damalige Gesellschaft, Andere sahen die sofortige Gültigkeit der Nachfolge und wieder andere den schwer umsetzbaren Aufruf, sein bisheriges Leben unwiderruflich hinter sich zu lassen.

Nach der Andacht zog es den Großteil der Gruppe noch einmal in die bereits bekannten Gassen der Altstadt. Doch das Gefühl diese Straßen zu durchlaufen war heute ganz anders. Die sonst so belebten, engen und bunten Gassen wirkten jetzt einsam und verlassen, teilweise fast geisterhaft. Die Verkäufer schienen gestresster und aufdringlicher, fast schon verzweifelt, wenn man nur leichtes Interesse an einer ihren Waren zeigte. Doch auch die veränderte Stimmung auf den Straßen verhinderte nicht, das noch die letzten Souvenirs und Mitbringsel gekauft wurden und so kehrten viele von uns mit ein paar zusätzlichen Kilos für’s Gepäck im Laufe des Nachmittags ins Gästehaus zurück. 

Hier sei erwähnt, dass einige die erneute Zeit in Jerusalem und die vergleichsweise Leere der Stadt und der heiligen Orte dazu nutzten, noch einmal die Grabeskirche zu besuchen. Die Kirche war leer wie wir sie noch nie erlebt hatten. Ein Ort an dem es sonst kein Durchkommen durch die Pilgermassen gab, lag so ausgestorben und verlassen da, dass es fast schon unheimlich war. Aber so konnten ungestört Bilder gemacht und sogar die Grabstellen besucht werden.

Gegen 17 Uhr machten wir alle uns dann doch noch einmal Gemeinsam auf den Weg über die Dächer Jerusalems zur Erlöserkirche. Wieder konnte man gesummte oder gesungene Passagen des Stückes über den Wolken hören, welches uns seit unserem ersten Besuch auf den Dächern begleitete und hier später noch einmal wichtig werden wird.

Bei einer so miteinander vertrauten Gruppe war es ein ganz besonderes Erlebnis. Gemeinsam singen, eine Andacht hören und dann noch eine gemeinsame Feier des Abendmahls hatten heute eine besondere

Ein Dankeschön gebührt an dieser Stelle der Gruppe. Gemeinsames singen und beten, eine sehr besinnliche Andacht und gemeinsames Abendmahl waren ein sehr schöner Abschluss dieser besonderen Reise. „Ich war sehr bewegt.“ war eine Aussage, die nach der Andacht mehrfach gefallen ist – wie schön, dass wir das teilen konnten.

Nach der Besinnlichkeit  der Andacht ging es doch eher skurril weiter mit dem Abend. Im Verlauf des Tages hatten wir erfahren, dass wir uns offiziell nicht mehr in Gruppen von mehr als zehn Personen versammeln durften. So hieß es Zeitpläne erstellen, die die Reihenfolge festlegten. Das Abendessen fand nun also nicht wie gewohnt in großer Runde statt, sondern in Kleingruppen mit immer nur vier Personen pro Tisch statt. Schon eine befremdliche Erfahrung.

Nach dem Essen folgte unser Bunter Abend. Hierfür hatten sich im Vorfeld Gruppen zusammengefunden

Für den Abend waren kleine Gruppen gebildet worden, die verschiedene Spiele, Aktivitäten und Vorstellungen vorbereitet hatten. Das Programm war wirklich Bund und vielfältig. Es waren ein Quiz, ein Scharade-Spiel, ein Standbild-Spiel, ein Poetry-Slam und ein selbstgeschriebener Song entstanden. Der Bunte Abend wurde durch die Spring-School Version des Liedes „Über den Wolken“ das nun „Über den Dächern“ hieß abgeschlossen, welches uns nun seit der ersten Woche in Jerusalem begleitet hatte und nun von einer Gruppe durch Strophen vervollständigt worden war. 

Da am Abreise Tag einer unserer Mitreisenden Geburtstag hatte warteten wir fast geschlossen darauf, dass es Mitternacht wurde und der Geburtstag von Jan Hendrik gebührend gefeiert werden konnten.

Nach Mitternacht begann die Runde sich aufzulösen. Wir alle werden wohl mit dem Gedanken daran ins Bett gehen, dass dies unsere letzte Nacht im Heiligen Land ist und wir 24 Stunden später schon wieder zuhause sein würden… 

– Friederike

14.03.2020, Tag 29: Konzert in einer Glocke

Goodbye Wüste! Im Bus ging es heute wieder Richtung Norden, aber bei Regen fiel uns die Abreise aus dieser trotzdem noch sehr schönen und rohen Natur nicht ganz so schwer. Auf unserem Weg zurück nach Jerusalem machten wir nicht nur einen Zwischenhalt.

Mit Tel Sheva bekamen wir Ruinen einer antiken Stadt zu sehen. Wärend die Reste der Bauten aus der späteren Zeit der Philister stammen, war der Ort selbst schon aus früheren Erzählungen der Bibel bekannt. Der Name Sheva könnte vom hebräischen Wort für sieben kommen, denn hier stehen inklusive dem Abrahamsbrunnen insgesammt 7 Brunnnen. Eine andere Herkunft könnte die Übersetzung Eid sein, denn hier soll der Eid zwischen Abraham, Isaak und den Philistern getroffen worden sein, bei dem Abraham den Philistern sieben Schafe überließ und Frieden gelobte. Auch hier taucht wieder die Zahl sieben auf (Gen 21, 27-31). Auch eine Nachbildung eines gehörnten Altars, wie er im Südreich Judäa zu finden war, war zu besichtigen. Eine Frage, die wir uns stellten: Wie viele Menschen haben hier wohl gelebt? – Es sollen etwa 100 Einwohner gewesen sein.

Der nächste Halt war Bet Guvrin eine Stadt mit einem ganz besonderen Baustil, die von den Römern im ersten jüdischen Krieg erobert und später in Eleutheropolis umbenannt wurde. Die Bauten waren nicht, wie man erwarten könnte, überirdisch, sondern unterirdisch in den Boden gegraben. So wurde erst durch die Harte Steinschicht gestoßen und dann im weichen Kalksandstein ein Raum ausgehöhlt. Auf diese Weise entstanden, wie auch in allen zeitgenössischen Städten, Badehäuser, eine Olivenölpresse und ein Höhle die zur Taubenzucht diente. Ein Highlight war unser kleines Konzert in einer der Größeren sogenannten Bell-Caves. Die Akustik hier war wunderschön und so bleiben uns die Lieder „Hine ma tov“,  „Bless the lord my soul“ und „Da berühren sich Himmel und Erde“ in ganz besonderer Erinnerung. Jana, unser heutiges Geburtstagskind bekam in dieser „Glocke“ außerdem ein ganz besonderes Geburtstagsständchen.

Weiter im Bus unterwegs passierten wir unter Anderem die „Grüne Linie“, die Waffenstillstandslinie zwischen Israel und dem Westjordanland. Vom Landstrich, auf dem die Schlacht der Philister gegen das Volk Israel stattgefunden haben soll, bekamen wir auf Grund des schlechten Wetters leider nicht so viel zu sehen. Hier waren wir am Übergang vom Land der Philister am Mittelmehr zur Hochebene, auf der auch Jerusalem liegt.

Auch an Bet Shemesh, das übersetzt „Haus der Sonne“ oder „Tempel der Sonne“ heißt, kamen wir vorbei. Hier soll die Bundeslade wieder von den Philistern in den Besitz des Volkes Israel zurückgegangen sein (1. Sam 6, 1-17).

Nach einer weiteren Stunde im Bus erreichten wir wieder Jerusalem, dessen enge Gassen in der Altstadt uns bereits vertraut waren. Aus dem Bus ausgestiegen ging es wieder ins Lutherische Gästehaus — das fühlte sich fast an wie nach Hause kommen. Bei deutlich gelöster Stimmung ging es in den restlichen Stunden des Tages für einige in die Stadt, um letzte Erledigungen zu machen und am vorletzten Tag etwas runter zu kommen und sich in Vertrauter Umgebung auf einen runden Abschluss unserer Reise zu freuen.

– Kilian

13.03.2020, Tag 28: Gemeinsam einsam

Aufgrund des heute noch immer anhaltenden Wüstensturms Chamsin haben sich die Pläne für den heutigen Tag wieder spontan anpassen müssen. Nach einer stürmischen Nacht (inklusive Gewitter) starteten wir den Freitag mit einem Impuls zum Thema „Einsamkeit und Wüste” (gr. ἐρῆμος [eremos]: Einsamkeit/Wüste) (Psalm 102, 1+8; Psalm 142 & Mt 4,1-13). Diese Thematik im Hinterkopf, verbrachte jeder für sich eine Zeit alleine am Ramon Krater, um dort seine Gedanken und Gefühle zu sortieren und die Wüste auf sich wirken zu lassen. Da dabei ganz individuelle Erlebnisse entstanden, haben sich ein paar Teilnehmende bereiterklärt, ihre Eindrücke der Einsamkeit mit uns  zu teilen:

„Bei der Wanderung durch die Wüste konnte ich trotz des schlechten Wetters und meiner Höhenangst an der Klippe entlang spazieren, worauf ich danach sehr stolz war. Ich habe die Wanderung auch im Gebet gemacht und konnte mich so Gott bei einem eindrucksvollen Ausblick sehr nahe fühlen.”

Lucy

„Es war für mich eine völlig unerwartete aber eindrucksvolle Wüstenerfahrung. Bei ‚Wüste‘ denkt man sicherlich nicht daran mit Jacke durch die Kälte, stürmisches Wetter und den Regen zu stapfen. Die Einsamkeitserfahrung war für mich sogar mal ganz angenehm und es passte auch ganz gut, dass ich mein Handy nicht dabei hatte und mich voll auf die Wüste und meine Gedanken konzentrieren konnte. Leider konnte ich so die Steinböcke nicht fotografieren, die ich gesehen habe. Ich hatte zeitweise wirklich das Gefühl, wie ein Eremit unterwegs zu sein und habe auch eine kleine Höhle/einen Unterschlupf mit schönem Ausblick unter den Felsen als Rückzugsort entdeckt.“

Jan-Hendrik

„Mir persönlich ist auf der Reise besonders klar geworden, dass wir sehr dankbar sein können in einem Land wie Deutschland zu wohnen. Wir haben genügend Wasser, können Grenzen problemlos überschreiten, etc.. Das alles ist uns oft im Alltag einfach nicht bewusst.“

Vivien

Nach einigen Stunden trafen wir uns wieder und besuchten gemeinsam das Mitzpe Ramon Visitors Center. Dort bekamen wir Informationen über Israels ersten Raumfahrer Ilan Ramon, die Entstehungsgeschichte des nach ihm benannten Ramon Kraters sowie über die hier heimische Fauna. Die restlichen Stunden verbrachten wir aufgrund des Sturmes im Hostel. Diese Zeit haben wir genutzt um uns auf das Spring School 2020 Abschlussfest am Sonntag vorzubereiten. Der Tag wurde mit einer Feedback-Runde abgeschlossen, bei der wie die drei Tage in der Negev Wüste und in Mitzpe Ramon reflektierten.

– Lina und Jenni

12.03.2020, Tag 27: Der Herr ist mein Hirte – eine Wanderung durch die Wüste

Früh morgens ging es los, um den Sonnenaufgang über dem Canyon von Mitzpe Ramon zu bewundern. Zu unserem Bedauern strahlte die Sonne jedoch nicht über uns, sondern versteckte sich hinter der dicken Wolkendecke. Jedoch war die Aussicht auch ohne Sonnenaufgang besinnlich.

Nach dem Frühstück startete die Busfahrt in den Nationpark En Avdat. Der Nationalpark besteht aus einem Wadi im Wüstenteil Zin. Das Lied „Geh mit Gott“ leitete unsere Stille während der Wanderung ein. Hierbei ging es darum, sich stillschweigend bis zur Quelle/Pool Avdat fortzubewegen und über die vergangenen Tage und Wochen nachzudenken. Durch die Ruhe konnten wir die Geräusche der Natur (Steinböcke, Geier, das Wasser und den Wind) hören und genießen. Nur Uta traute sich die Stille zu durchbrechen und las den Psalm 23. 

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Psalm 23

Danach führte uns ein anspruchsvoller Pfad auf in den Hang gebauten Treppen bis zum Plateau oberhalb des Wasserfalls. 

Die Andacht an diesem Ort wurde unter dem Zeichen der Hoffnung und Wunder, in Anlehnung an Num. 20, 1-13: Moses Zweifel beim Haderwasser, gehalten. Zu Beginn der Wanderung sollten wir uns einen treuen Begleiter in Form eines Steines auswählen und diesen bis zum Plateau mitnehmen. Diese Steine legten wir mit einem stillen Gebet dort nieder.

Im Anschluss liefen wir einen Teil der Weihrauchstraße hinunter, die bereits zwischen dem 2. und 4. Jhd. n. Chr. von den Nabatäern, einem Wüstenvolk, bewacht wurden. Die Nabatäer waren zuvor ein Karawanenhändler, welche Stoffe, Gewürze, Silber, Gold etc. über die Weihrauchstraße transportierten. In Avdat siedelten sich die Nabatäer an und gründeten eine ihrer ersten Handelsstädte.  Während des Abstieges von der Ausgrabungsstädte der Handelsstadt zum Bus erwischten uns die Vorläufer des Chamsin, ein selten auftretendes Naturschauspiel von trockenem und heißem Wüstenwind. Die starken Winde und der umherfliegende Sand und der Regen zwangen uns, einen Schritt schneller zu gehen.

Adel, unser Busfahrer, brachte uns sicher wieder in unsere Unterkunft in Mitzpe Ramon. We love Adel!
Am Nachmittag gab es dann noch das Angebot, die Wüstenwanderung anhand von Bibeltraditionen zu reflektieren und dabei die biblischen Erzählungen in der Wüste besser zu verstehen und einordnen zu können.

– Patricia und Patricia

11.03.2020, Tag 26: Wüste, Meer und mehr…

Nach einer kurzen durchfeierten Nacht hat uns unser lieber Busfahrer Adel, der seinen freien Tag genossen hat, am Abrahams Hostel aufgelesen und wir machten uns mit dem Bus auf den Weg in den Negev. Der Weg wurde länger als geplant, da wir uns für eine checkpointfreie Route durch das israelische Staatsgebiet entschieden, da der Weg durch die Westbank momentan nicht befahrbar ist. Aus 90 Minuten wurde so eine dreistündige Fahrt und unser Programm musste leider etwas gekürzt werden.

Viele von uns schliefen während der Busfahrt und waren überrascht beim Anblick der völlig veränderten Landschaft als sie wieder aufwachten. Auf kurvigen Straßen ging es durch die Steinwüste zu der herodianischen Palastfestung Masada. Diejenigen, die die Nacht ohne Kopfschmerzen verkraftet hatten, erklommen die Festung über den „Snake Path”, einen steilen steinigen Pfad. Alle anderen nutzten die Seilbahn und genossen den Ausblick über die surreal wirkende Landschaft aus der komfortablen Kabine.

Herodes verwendete die Festung Masada als Zufluchtsort für den Fall eines Aufstandes seines Volkes oder eines Angriffs feindlicher Invasoren. Der Ort gewann insbesondere durch die Geschehnisse im Jahr 66 n. Chr. eine besondere Rolle für die jüdische Identität. Dem von Flavius Josephus überlieferten Mythos nach sollen auf dem Berg lebende Juden über acht Monate von den Römern belagert worden sein. Letztere errichteten mehrere Lager um die Festung herum und schütteten eine künstliche Rampe auf, um die Festung schlussendlich einzunehmen. Allerdings fanden sie auf dem Berg nur Tote vor. Die Bewohner Masadas wollten nicht zur Sklaverei gezwungen werden und entschiedenen sich, dass der Tod der Sklaverei vorzuziehen sei. Diese Form des Widerstandes wird heute noch von der jüdischen Bevölkerung als Heldentat verehrt. In einem Gesprächskreis in einer der Ruinen tauschten wir uns darüber aus, was Widerstand für uns heute bedeutet. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass viele verschiedene Motive zum Widerstand nötig sind und es uns schwer fällt uns in die Lage von Menschen zu versetzen, die in irgendeiner Form unterdrückt werden.

Nach dem ausgiebigen Erkunden der Ausgrabung machten wir uns auf den Weg Richtung Totes Meer. Das Tote Meer ist der tiefste Punkt der Erdoberfläche und liegt etwa 420 Meter und dem Meeresspiegel. Der Wasserstand sinkt jedes Jahr um ca. einen halben Meter. Dies liegt daran, dass dem Jordan sehr viel Wasser entnommen wird, welches für die Wasserversorgung verwendet wird. Das übrige Jordanwasser reicht nicht aus, um das Wasserlevel im Toten Meer zu halten. Beim Anblick der unwirklichen Salzschollen fällt es einem schwer zu glauben, dass der See zu Zeiten Jesu noch lebendig war. Das Baden in dem Wasser mit 30% Salzgehalt war für viele von uns ein neuartiges Erlebnis. Wir waren erstaunt vom starken Auftrieb des Wassers, sowie des ölartigen Gefühls auf der Haut. Lange konnten wir leider nicht im Wasser bleiben, weil das Wasser den Körper extrem austrocknet.

Danach ging es „Ab in den Süden” durch die vom wunderschönen Sonnenuntergang rot angestrahlten Felsen und vorbei an verschiedenen Beduinendörfern in unserer neue Unterkunft in Mitzpe Ramon. Nach der Zimmerverteilung, dem Schränke einräumen (oder auch nicht) und einem leckeren Abendessen gingen wir alle früh ins Bett um Kraft für die Zeit in der Wüste zu sammeln.

– Lea und Yannik

10.03.2020, Tag 25: Bildungsinstitution und Kulturtradition

Den heutigen Tag durften wir ganz frei und individuell gestalten und so entschied sich der Großteil der Gruppe wie auch wir (Lucy und Niniel) dafür, nach dem Frühstück das Israel-Museum zu besichtigen. 

Nach einem einstündigen Fußmarsch, der einem Labyrinthlauf glich, waren wir endlich angekommen. Das Museum, zu dem auch ein Garten gehört, eröffnete 1965. Das Museum besteht aus vier Abteilungen: die Kunstabteilung mit dem Billy-Rose-Kunstgarten, die Abteilung für Judaica und jüdische Ethnographie, die archäologische Abteilung, hierzu gehört der Schrein des Buches mit einigen der Schriftrollen vom Toten Meer und einer Jugendabteilung. Zuerst schlenderten wir durch den Billy-Rose-Garten, wo uns zahlreiche Skulpturen erwarteten. Wir betrachteten ein Modell der Stadt Jerusalems zur Zeit des zweiten Tempels, am Modell konnten wir Vieles aus unserer ersten Woche in Jerusalem wieder erkennen. Der Rest erschloss sich uns mithilfe des Audioguides. 

Danach ging es in die Archäologische Abteilung, im „Schrein des Buches“, ein Gebäude des israelischen Nationalmuseum, dass durch seine außergewöhnliche Bauweise auffällt. Dort werden Originale und Faksimiles (originalgetreue Nachbildung) antiker Schriftrollen des Tanachs aufbewahrt, nur eine einzige vollständige Schriftrolle ist erhalten — das Buch Jesaja. Die Ausstellung enthält ebenfalls weitere Fundstücke von Qumran am Toten Meer. 

Später machten wir uns in einer kleineren Gruppe auf in die Altstadt Jerusalems. Dort gingen einige von uns bummeln, andere aßen zu Mittag und wieder andere kauften Schmuck und einige Souvenirs.  Wir machten uns gut gestärkt zurück in Richtung Hostel. Dort trennten sich dann unsere (Lucy und Niniel) Wege. 

Lucy’s Nachmittag:
Für mich und einige Andere aus der Gruppe ging es auf den nahe gelegenen Marktplatz um dort die lokalen Stände anzusehen. Beim Laufen durch die vielen Gassen, die von den unterschiedlichsten Gerüchen gefüllt waren, entdeckten wir so einige Sachen die wir mit unseren Lieben zuhause teilen möchten. Nachdem wir auch einige Sachen probieren durften und ein wenig gehandelt wurde, traten wir auch schon den Rückweg zum Hostel an, um uns für die bevorstehende Purim Feier vorzubereiten.

Niniel’s Nachmittag:
Ich traf eine Freundin aus Deutschland die momentan ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Nähe von Tel Aviv absolviert. Wir hatten uns einiges zu erzählen und entschieden uns im Literatur Café in der Neustadt eine Kleinigkeiten essen zu gehen. Anschließend gingen wir über den Markt und an der George 5 Straße entlang, auf der Suche nach einem Eis. Gegen Abend kamen wir im Hostel an und machten zusammen mit den Anderen für Purim fertig.

Gemeinsamer Teil:
Im Hostel liefen schon viele Menschen kostümiert herum und trafen die letzten Vorbereitung für das anstehende Fest. Unsere Gruppe traf sich auf der Dachterasse, anschließend starteten wir gemeinsam in den Abend. Später gingen wir in den Speisesaal der für die Purimfeier hübsch dekoriert war. Dort spielten einige Tischkicker, andere Billard, wiederum andere fand man auf der Tanzfläche wieder. Wir tanzten, sangen und lachten viel. Ganz wie es sich für Purim gehört, wurde es eine langer Abend beziehungsweise eine kurze Nacht. Wir fielen müde aber glücklich, mit mehr als 40.000 Schritten ins Bett und dachten mit Freude an die bevorstehende Zeit in der Wüste.

– Lucy und Niniel

09.03.2020, Tag 24: Wo ist die Tyche? – Ich habe die Tyche gefunden!

Mit dem letzten Frühstück in unserer Unterkunft in Tabgha endete die Zeit der Selbstversorgung. Die letzten Reste der reichlichen Einkäufe mussten im Frühstück verarbeitet und teilweise für Unterwegs eingepackt werden. Kurz vor Ende des Frühstücks blieben einigen aber doch noch die Cornflakes im Hals stecken, als Uta mit einer Ansprache zu besonderen Quarantänemaßnahmen ansetzte. Die israelischen Sicherheitsmaßnahmen zum Coronavirus sorgten schon dafür, dass unser Flug für den 17.03. abgesagt worden war. Durch die neuen Regelungen, hätte sich aber nicht nur unser Abreisetag verschoben, sondern auch die gesamte Planung für die kommenden Tage verändert. Entsprechend bestand einige Unsicherheit innerhalb der Gruppe. Diese Verunsicherungen konnten aber glücklicherweise schon kurze Zeit später durch eine Telefonat mit der deutschen Botschaft aufgehoben werden. Die befürchteten Sicherheitsmaßnahmen schienen für unsere Gruppe nicht erforderlich zu sein, was auf der einen Seite für Erleichterung sorgte, zugleich aber auch nachdenklich stimmte, über die Situation der Palästinenser, die durch die gegenwärtige Situation noch mehr eingeschränkt werden, als „für gewöhnlich”.

Etwas verspätet machten wir uns dann doch endlich auf den Weg nach Jerusalem über die antike Ausgrabungsstätte Bet Shean, in der noch verhältnismäßig viele Gebäudeüberreste aus römischer und byzantinischer Zeit erhalten geblieben sind.  Die  Stadt war damals unter dem Namen Nysa Skythopolis bekannt, in römischer Zeit im Zehn-Städte-Bund (Dekapolis) vertreten und hatte in der byzantinischen Periode vermutlich 30 – 40.000 Einwohner. Im Jahre 749 n. Chr. fiel die Stadt einem großen Erdbeben zu Opfer. Heute beeindrucken vor allem das römische Theater und das Badehaus, die noch zu großen Teilen erhalten sind. Für unseren Besuch nahmen wir uns auch ausreichend Zeit und konnten das Gelände eigenständig erkunden, was sehr angenehm war und individuelle Schwerpunkte bei den Rundgängen ermöglichte. Bei sommerlichen Temperaturen von ca. 30°C und strahlendem Sonnenschein, kamen wir schon ganz schön in Schwitzen — wie soll das bloß in der Wüste werden? 😉

Im Badehaus konnte man einen sehr anschaulichen Einblick in das fortschrittliche und effiziente System der römischen Fußbodenheizung (Hypokaust) erhalten. Im Bereich der Agora und des Tempels konnte man noch einige Säulen mit Kapitellen bewundern, besonders lohnend waren aber auch aufmerksame Blicke in Richtung Boden, der Mosaikdarstellungen mit einigen Interessanten Tierdarstellungen zu bieten hatte. Unter den zahlreich erhaltenen Mosaiken soll hier auf jeden Fall auch das besonders gut erhaltene Mosaik der Stadtgöttin (Tyche) hervorgehoben werden, die in einem der kleineren Räume des sogenannten Sigmas (einem halbkreisförmigen Platz aus byzantinischer Zeit) zu sehen ist. Diesen unauffälligen Raum mussten wir aber erst mal finden. Durch die vielen Inschriften auf den Mosaiken oder den Säulen und Stelen konnte man zudem die Lesefähigkeiten im Altgriechischen unter erhöhten Schwierigkeitsbedingungen auf die Probe stellen. Beim anschließenden Aufstieg zum Tell (Berg Bet Shean) sahen wir die Ruinen aus einer anderen Perspektive und konnte hier einen besseren Überblick über das Stadtbild und die Gebäudeverteilung gewinnen. 

Unsere Mittagspause verbrachten wir im Ma’ayan Harod National Park am Fuße des Berges Gilboa und der Quelle des Harod, wo Gideon die Midianer besiegte (kann gerne in Richter 7 nachgelesen werden). Von dort ging es weiter nach Jerusalem, in eine neue Unterkunft in einer uns bereits bekannten Gegend. Bei kurzen Abendspaziergängen erkannten wir die Straßenecken der Neustadt, einige Geschäfte, Marktstände und Restaurants aus der unserer ersten Woche hier wieder.

– Jan Hendrik

08.03.2020, Tag 23: Eine Seefahrt, die ist lustig

Unsere erste Einheit über jüdische Spiritualität mit Rabbi Or Zohar startete in einer entspannten Runde, die wir aufgrund des schönen Wetters, draußen an der Feuerstelle genießen konnten. Or ist ein charismatischer, reformierter Rabbi und leitete die Lesung mit einem hebräischen Gebetslied „Brachar“ (Segen) in Begleitung seiner Gitarre ein. Wir haben eine Einführung in die religiösen Gegebenheiten der Purim-Feier bekommen. Das Purim erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes aus der persischen Diaspora. Angelehnt ist die Feier an das Buch Ester aus dem Alten Testament, in der die Juden vor der Vernichtung durch den persischen Minister Haman gerettet worden sind.

Purim hat für die jüdische Gesellschaft das Ziel, so Or, fühlbar zu machen wer sie wirklich sind. Es ist ein Fest, das ähnlich dem Karneval teilweise mit Umzügen gefeiert wird. Dafür verkleiden sich alle, feiern, tanzen, trinken Alkohol und essen zusammen. Alkohol spielt bei der Feierlichkeit eine gar nicht so unwichtige Rolle. Die Erwachsenen, vor allem aber die Männer haben den Auftrag Alkohol zu trinken, durch den Alkohol werden religiöse Begegnungen intensiver und erfahrbarer und die Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem verschwimmt. Die Kostümierungen dienen dem Entfliehen aus den üblichen gesellschaftlichen Rollen – dafür gibt es jedoch, anders als bei den anderen Riten bei diesem Fest, keine explizite Vorschrift im Talmud. Es sollen aber Geschenke mit zweierlei Speisen an Freunde und Familie gemacht genauso, sowie wie Abgaben an Arme und Bedürftige geleistet werden.

Am Nachmittag haben sich verschiedene Gruppen organisiert, von denen einige im See Genezareth schwimmen gegangen sind. Andere haben eine Wanderung zum Berg der Seligpreisungen gemacht, auf dem die gleichnamige Kirche steht. Verglichen mit unserer sonstigen Gruppengröße, war die Wandergruppe eher beschaulich, sodass wir auf den ersten Metern der Wanderung erst einmal bemerkten, wie still und besinnlich es ist, mit wenigen Menschen gemeinsam eine Strecke zu gehen. Höhepunkte der Wanderung waren die Besichtigung der Seligpreisungskirche auf dem Gipfel des Berges, gleich zu Beginn der Wanderung sowie eine kurze Lesung der Bergpredigt aus Matthäus 5,1-12 an einem Gedenkstein am Fuße des Berges. Nach der Lesung genossen wir für einen Moment die Stille um uns herum und waren geschlossen der Meinung, dass wir uns in solchen stillen Momenten und an solch stillen Orten mehr bewusst waren, dass wir auf den Spuren Jesu wanderten, als an Orten wie der Grabeskirche.

Als Abschluss des Tages stand eine Bootsfahrt auf dem See Genezareth auf dem Programm, auf die sich alle sehr freuten. Wir fuhren auf einem Holzboot auf den See hinaus und bestaunten die Aussicht auf die umliegenden Berge. Draußen auf dem See hielten wir eine kurze Andacht bei der die Bibelstelle der Sturmstillung aus Markus 4,35-41 gelesen wurde. Anschließend verbrachten wir einige besinnliche Minuten in Stille, betrachteten dabei unsere Umgebung, die von der untergehenden Sonne beleuchtet war, und hingen unseren eigenen Gedanken nach.

– Patricia und Friederike

07.03.2020, Tag 22: Unterwegs im Nordreich

Heute Morgen ging es um 08.00 Uhr mit dem Bus entlang am See Genezareth nach Kapernaum. Direkt am Ufer feierten wir eine Morgenandacht mit Abendmahl. Genau dort, wo auch Jesus sein Wirken begann, genossen wir die besinnlichen Minuten und die warmen Sonnenstrahlen, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelten.

Direkt von der Andacht gingen wir ein paar Meter weiter zu den Ruinen des Petrushauses, über denen heute eine katholische Kirche steht, die durch eine Art Vitrine in der Mitte des Raumes einen Blick auf die Fundamente gewährt. Neben den alten Wohnhäusern sind auch die Reste der Synagoge zu sehen, in der auch Jesus gepredigt haben soll. Charakteristisch für dieses Gebäude sind die verwendeten weißen Sandsteine, da die anderen für die damalige Zeit typischen Bauten mit Basaltsteinen errichtet wurden. Den Aufenthalt in Kapernaum nutzten einige von uns auch dafür, sich mit Unterrichtsmaterialien, die es in Deutschland höchstwahrscheinlich so nicht gibt, einzudecken. Die kommenden Generationen können sich also jetzt schon auf den Religionsunterricht freuen! 😉

Nächster Stopp auf unserer Tagesreise war Tel Dan. Hier entspringen zwei der drei Quellflüsse des Jordan. In dem Naturreservat kann man unter anderem das älteste kanaanäische Tor der Welt, ein Stadttor aus der Zeit der Richterbücher betrachten. Für die Archäologiefans unter uns war Tel Dan ein einziges Paradies. À propos Paradies: Unsere kleine Wanderroute durch das Naturreservat führte uns auch durch den sogenannten „Garden of Eden“. Zwar ist der Garten Eden aus Genesis 1 nicht explizit dort verortet, aber da in Genesis die Rede vom Zweistromland ist und es dort wirklich sooo paradiesisch schön war, fanden wir den Namen sehr zutreffend. Vogelgezwitscher, das Rauschen des Windes in den Bäumen und zu unseren Füßen das Wasser der Quellflüsse — mehr braucht man dazu wohl nicht sagen 😊 Um diesem Moment noch eine spirituelle Note zu verleihen, beschlossen wir, uns gegenseitig den Segen Gottes zuzusprechen und uns mit dem Wasser des Quellflusses zu segnen. Bei dieser Gelegenheit schöpften wir auch gleich Wasser ab, was man sicher sehr gut für kommende Taufen nutzen kann.

Weiter im Bus unterwegs ging es nach Banyas, das seinen Namen der Kultstätte zu verdanken hat, die wir dort fanden. Hier wurde Pan, der Hirtengott aus der griechischen Mythologie, verehrt. Erneut vorbei an plätscherndem Quellwasser, mit Pumpe zum möglichen Abfüllen, bekamen wir eine offene Grotte zu sehen. Außen herum waren noch Überreste von baulichen Anlagen zu erkennen und zu besichtigen. Auch ein Tempel Zeus zu Ehren soll hier gestanden haben, Herodes der Große soll hier sogar einen Augustus-Tempel erbaut haben. Gerade die Grotte selbst, die bestimmt 5-6 Meter hoch ist, war beeindruckend und sehenswert.

Zur Mittagspause machten wir weitere Höhenmeter und fuhren auf rund 1000m über dem Meeresspiegel hoch, um in einem Restaurant unsere Pause zu verbringen. Spätestens jetzt merkten wir, dass wir in den Golanhöhen angekommen waren, die mit schneebedeckten Berggipfeln ein für uns skurriles ungewohntes Bild boten. Durch Wind und Wetter in dieser Höhe mussten wir nach schönstem Frühlingswetter doch wieder eine Jacke überziehen.

Diese wirklich schöne Natur im Norden von Israel ist eigentlich umstrittenes Gebiet im Konflikt zwischen Israel und Syrien, wurde aber während des Sechstagekriegs von Streitkräften besetzt und in den 1980er Jahren von Israel annektiert. Nahe dem Ort Nimrod begannen wir, Festungen aus der Zeit der Kreuzfahrer zu erklimmen und die Aussicht zu genießen. Im Laufe der Zeit waren diese Burganlagen auch unter muslimischer Kontrolle und dienen heute lediglich noch als historische Besichtigungsstätte.

Die Sonne ging langsam dem Horizont entgegen und wir machten uns wieder auf den Weg zurück nach Tabgha. Auf unserem Rückweg durchquerten wir ein Gebiet, das uns als eine Art Pufferzone zwischen Syrien und Israel beschrieben wurde, die unter Kontrolle der UN steht. Auch hier machten wir Pause, sahen allerdings nicht viel, denn wir befanden uns direkt in einer Wolke, so nebelig und kalt, wie es war. Trotzdem bekamen wir einen kurzen Eindruck, der noch durch dort stationierte Soldaten verstärkt wurde. Diese beantworteten nett unsere spontanen Fragen und ließen uns weiterziehen. Fast wieder am See angelangt, ging es mit der Kletterei weiter und Uta zeigte uns an einer alten Brücke, wie der Jordan als breiter Fluss aussieht, bevor er in den See Genezareth fließt. Hier wurde noch das ein oder andere Foto auf dem Gerüst geschossen und dann fuhren wir mit dem Bus zur Unterkunft — Es war Zeit für das Abendessen.

– Kilian und Anne

06.03.2020, Tag 21: Ruhen am Ufer

Nach einer langen, erholsamen Nacht starteten wir den heutigen Tag mit einem tollen Frühstück, das einige von uns vorbereitet hatten. Das Wetter war bewölkt, aber trotzdem konnten wir draußen an der frischen Luft sitzen.
Nach dem Frühstück feierten wir eine kleine Andacht direkt am Ufer des Sees Genezareth and einem Steinaltar mit einem kleinen Kreuz darauf. Mit Blick auf den See lauschten wir Helgas Worten und sangen Lieder.

Am heutigen Tag stand das Ausruhen am See im Mittelpunkt. Uta bot nach der Andacht einen Bibelkreis an, in dem wir uns über Glauben, Gott und noch offene Fragen austauschen konnten. Dazu setzten wir uns wieder an den See, vor den Steinaltar. In einer kleinen Runde sprachen wir über die Existenz des Bösen und über Zweifel, die manche von uns in Bezug auf die Bibel noch haben.
Einige von uns nutzten den Vormittag auch dazu, die Brotvermehrungskirche, die ein paar Schritte von unserer Unterkunft entfernt liegt, zu besichtigen. Hier wird die Geschichte von der „Speisung der Fünftausend“ tradiert, in der Jesus fünftausend Menschen mit nur fünf Broten und zwei Fischen sättigte (Lukas 9,10-17).
Zum Mittagessen bereiteten einige von uns die Reispfanne von gestern Abend noch einmal auf. Die Selbstversorgung klappt soweit sehr gut.
Nach dem besinnlichen Vormittag, an dem wir uns ausruhen und wieder zu Kraft kommen konnten, gab es verschiedene Möglichkeiten, den Nachmittag zu verbringen. Einige nutzten den Tag, um Schlaf nachzuholen, andere sortierten ihre Koffer und kümmerten sich um ihre Wäsche. Der Großteil der Gruppe wiederum machte sich mit dem Bus auf den Weg zum Fuße des Mount Arbel. Der Mount Arbel befindet sich am Westufer des See Genezareth, ganz in der Nähe unserer Unterkunft. Am Berg angekommen, ging es auch schon los Richtung Gipfel. Insgesamt knapp 400 Höhenmeter wurden von uns erklommen. Dabei ging es jedoch nicht nur geradeaus, sondern auch über Kuhwiesen und steile Strecken hoch und wieder herunter.
Während unseres Aufstiegs konnten wir in Höhlen klettern, die laut Flavius Josephus ca. 100 Jahre n. Chr. als Zufluchtsort für die jüdischen Freiheitskämpfer dienten, die im Bello Iudaico („jüdischer Krieg“) gegen die Römer kämpften. Erst durch Soldaten, die sich vom Berg abseilten, konnten die Hasmonäer besiegt werden.
Auf unserem Tripp zeigten wir außer unserem Klettergeschick auch unsere Liebe zu der Natur und unseren Gruppenzusammenhalt, der uns sicher wieder an den Fuß des Berges brachte.
Am Abend wurden wir von dem heutigen Küchenteam bekocht. Wir aßen jedoch nicht alleine – mit uns aßen vier Voluntäre, die uns von ihrer Arbeit in unserem Gasthaus Beit Noah berichteten. Die drei deutschen Voluntäre sind mit den Programmen „Deutscher Verein vom Heiligen Lande“ und „Fachstelle Internationale Freiwilligendienste Freiburg“ hier. Gasthäuser wie Beit Noah leben von der Arbeit der Voluntäre und sind sehr dankbar für alle Menschen, die sich als Voluntäre engagieren. Der Abend bot spannende Eindrücke von motivierten jungen Menschen, die vor allem auch das wunderschöne Land während ihres Aufenthalts genießen. Anschließend ließen wir den Abend mit lustigen Gesellschaftsspielen in fröhlicher Runde ausklingen.

– Doreen und Charlotte

05.03.2020, Tag 20: Auf zu neuen Ufern

Mit gepackten Koffern und gestärkten Mägen ging es heute Morgen los in Richtung Tabgha, unserer nächsten Unterkunft. Auf der Busfahrt erblickten wir nach kurzer Zeit auch schon die Bergkette des Karmel-Gebirges, das sich von Haifa gen Osten erstreckt. Diese Gebirgskette ist ein Ort, an dem seit Jahrtausenden Flüsse entspringen. Es handelt sich um fruchtbares Land mit zahlreichen Wasserquellen, weshalb es heutzutage ein beliebtes Ziel für Wanderer ist. Biblisch betrachtet wird dort die Elia-Tradition lokalisiert (vgl. 1. Kön. 18, 17-40 ). Diese Geschichte beschreibt, wie Israel und dessen König Ahab die Gottheit Baal anbeteten und Elia als einziger Prophet des Herrn überblieb. Elia forderte das Volk auf, dem wahren Gott nachzufolgen, der sich darin beweisen soll, das Feuer für ein Brandopfer zu entfachen. Die Propheten Baals beten zu Baal, doch es passiert nichts. Als Elia zu beten beginnt, entfacht Gott ein so starkes Feuer, dass es nicht nur das Opfertier verzehrt, sondern auch die Steine des Altars, den Erdboden darunter und das Wasser im Graben darum herum. Es wird weiter beschrieben, dass das Volk Israel zu Gott umkehrte und Baals Propheten hingerichtet werden. Vor allem in der heutigen Zeit, in der der Exklusivitätsanspruch von Religion bzw. die Inanspruchnahme der „einen Wahrheit“ verbunden mit Gewalt verheerende Folgen für unser friedliches Zusammenleben hat, ist zu fragen wie wir diesen Bibeltext lesen und deuten müssen. Das lieferte uns — besonders im Hinblick auf unsere spätere berufliche Tätigkeit und die damit verbundene Verantwortung — viel Gesprächsstoff. In Erinnerung an diese Elia-Erzählung befindet sich auf dem Karmelberg eine Klosteranlage mit einer Elia-Statue und einer Kirche aus dem 19. Jh. mit einem Altar, der mit seinen 12 Steinen an den Opferaltar angelehnt ist. Neben den angeregten Gesprächen konnten wir auf einer Dachterrasse den schönen Ausblick in jede Himmelsrichtungen genießen. 

Weiter ging es in die Stadt Nazareth. Sie stellt mit ihren 76.000 Einwohnern die größte arabische Stadt Israels dar. Zu den Einwohnern zählen überwiegend Muslime und knapp ein Drittel Christen. Die Stadt wird jährlich von vielen Touristen und Pilgern besucht, die vor allem die Verkündigungskirche besichtigen wollen. Hier habe Maria laut Lukas 1, 26-38 vom Erzengel Gabriel die Nachricht erhalten, dass sie den Sohn Gottes empfangen werde. Jesus verbrachte hier außerdem seine Jugend und sein öffentliches Wirken hat an diesem Ort seinen Ursprung. Wir bekamen auch die Möglichkeit die Verkündigungskirche zu besichtigen. Die Kirche ist sehr prunkvoll eingerichtet: zahlreiche Verzierungen und Gemälde schmücken den Raum. Vor allem die Mosaike und die schillernden Fenstergläser waren besonders schön anzuschauen. Das Gebäude besteht aus einer Unterkirche und einer Oberkirche. Unten befindet sich die Verkündigungsgrotte, die durch ein paar Stufen abwärts zu erreichen ist. Von dort kann man durch eine achteckige Öffnung in der Decke das Licht der Oberkirche erblicken. Wir hatten viel Glück, denn die Kirche war angenehm leer und uns gefiel die sehr andächtige Atmosphäre an diesem schönen Ort. Im Außenbereich waren zahlreiche Marienfiguren aus verschiedensten Ländern zu sehen. Es war spannend, wie unterschiedlich und vielfältig Maria dargestellt wird. Nach einer Stärkung in der Stadt, hielten wir gemeinsam als Gruppe in einer Synagogen-Kirche inne. Wir lasen über Jesus‘ öffentliches Wirken in Lukas 4, 14-30 und stellten uns vor, wie es zu seiner Zeit wohl ausgesehen haben könnte.

Gegen Nachmittag war es an der Zeit Richtung Tabgha aufzubrechen. In den nächsten Tagen werden wir vor der neuen Herausforderung stehen, uns selbst versorgen zu müssen. Entsprechend wurden Kochteams gebildet und Rezepte für die nächsten Abende rausgesucht. Wir fuhren gemeinsam einkaufen, was letztlich 1 ½ Stunden in Anspruch nahm, aber doch irgendwie eine interessante Erfahrung war. Im Gästehaus Beit Noah angekommen, sortierten wir uns auf unseren Zimmern und das erste gemeinsame Abendessen wurde vorbereitet. Das Haus bietet großes Potenzial noch stärker als Gruppe zusammenwachsen. Das Außengelände lädt mit seinem Pool, dem Lagerfeuerplatz und seiner Abgeschiedenheit zu gemeinsamen Aktivitäten ein. Wir erfreuten uns am schönen Wetter und dem nahe gelegenen See Genezareth, dem größten Süßwassersee in diesem Land. In ihm spiegeln sich sowohl Vergangenheit als auch Zukunft. Warum werden wir wohl in den kommenden Tagen erfahren. 

– Lilliane und Isabell

04.03.2020, Tag 19: Ein Tag voller Begegnungen

Der Tag startete gut: der bisher wärmste Tag unserer Reise, die Sonne schien und wie der Zufall es wollte, stand für diesen Vormittag kein festes Programm fest – deswegen fuhren wir mit guter Laune und Sonnencreme im Gepäck an den Strand! Während sich alle im Wasser abkühlten, Kreuzworträtsel lösten, die Haare geflochten oder Schlager gehört wurde, besorgten Uta und Helga für alle Picknick.

Die zweite Hälfte des Tages fand in der Shagour High School, einer arabischen Schule, in Majd el Kroom statt. Dort trafen wir als erstes Ofer Lior, einen israelischen Juden, der uns einen Überblick über die Geschichte Israels und Palästinas gab. Er erklärte uns, dass er selbst gar kein Lehrer an dieser Schule ist, sondern in Nes Ammim arbeitet und sich als Ziel gesetzt hat, den Dialog zwischen arabischen und jüdischen SchülerInnen in Israel zu fördern. Dies durften wir heute auch tun. Wir unterhielten und in Kleingruppen mit SchülerInnen zwischen 15 und 19 Jahren. Das bedeutete, dass wir uns gegenseitig zu allen möglichen Themen austauschen und ausfragen konnten. Dabei spielte nicht nur der Nahostkonflikt eine Rolle, sondern wir lernten uns auch ganz persönlich kennen, redeten über Familie, Freunde, Hobbys und Liebesbeziehungen.

Anschließend traf unsere Gruppe auf Iman, eine Lehrerin an einer arabischen Schule im Dorf, die uns ihre persönliche Geschichte erzählte. Sie wuchs als eines von 17 Kindern in einer sehr konservativen, muslimischen Familie auf und schaffte es dennoch, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen. Heute engagiert sie sich neben ihrer Arbeit an der Schule, für junge Frauen und hilft ihnen auf ihrem Weg in das Berufsleben. Bei ihrem Programm geht es um die Stärkung des Selbstbewusstseins und das Erwerben von Kompetenzen als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben.

Die vierte Begegnung des Nachmittags war mit Mitgliedern des „Parents’ Circle”. Der „Parents’ Circle” ist ein Gesprächskreis von Menschen, die durch den Israel-Palästina-Konflikt Angehörige verloren haben. Zwei von ihnen erzählen uns ihre persönlichen Geschichten, die uns sehr berühren. Sie kommt aus dem Westjordanland und verlor ihren Vater, als dieser von einem israelischen Siedler erschossen wurde. Ofer (ja, genau der Ofer, der uns schon seit Beginn des Nachmittags begleitete) hatte einen Bruder, der in seiner Zeit beim Militär von palästinensischen Freiheitskämpfern erschossen wurde. Beide teilen das gleiche Leid — den Verlust eines nahen Angehörigen — und stehen dabei doch auf unterschiedlichen Seiten der Konflikts. Oft entsteht aus Leid Hass und genau darauf bezieht sich das Ziel der Organisation: Das, was die Menschen wirklich brauchen, ist Frieden und um diesen erreichen zu können und den Hass einzudämmen, fördert die Organisation den Dialog zwischen den beiden Seiten der Konflikts in diesem Land. Sie organisiert Begegnungen und Gespräche, wie das, woran wir heute teilnehmen durften, um Leute aus Israel und Palästina zusammenzubringen und so Brücken zwischen den beiden Gruppen zu schlagen.

Mit dieser noch einmal sehr intensiven Einheit, wird das Thema Nah-Ost-Konflikt heute abgeschlossen und wir freuen uns darauf, uns in der kommenden Woche auf die Spuren Jesu zu begeben.

– Vivien und Frieda

03.03.2020, Tag 18: Vom Ghetto Fighters‘ House bis nach Akko raus…

Unser dritter Morgen in Nes Ammim startete wieder mit viel Sonne und einem reichhaltigen Frühstück. Am heutigen Vormittag vertieften wir die Eindrücke aus der Gedenkstätte Yad Vashem, indem wir das „Ghetto Fighters‘ House” Museum Beit Lohamei Haghetaot besuchten. Es wurde im April 1949 gegründet, ist das erste Holocaustmuseum weltweit und wurde von Überlebenden des Warschauer Ghettos gegründet. Die Pioniere Zivia Lubetkin und Yitzhak Zuckerman entwickelten die Gedenkstätte vor dem Hintergrund dreier Motive: Zum einen wollten die Gründer einen Ort zum Gedenken an die Verstorbenen schaffen, zum anderen wollten sie eine Bildungsstätte einrichten und sich mit dem gegründeten Kibbuz, in dem sich das Museum befindet, einen neuen Lebensraum errichten, da die Erinnerung nicht nur vom Tod, sondern vor allem auch durch neues Leben erhalten bleibt. Dabei ist das Museum nicht wie die Gedenkstätte Yad Vashem chronologisch angeordnet. Stattdessen verfügt es über verschiedene Themengebiete, die unter anderem die allgemeine Erinnerung, die Euthanasie oder den Täter (aktuelle Ausstellung: Adolf Eichmann) in den Mittelpunkt stellt. Für Zuckerman liegt der Fokus neben der Erinnerungskultur der Vergangenheit vor allem auch auf der Bedeutung des Themas für die Gegenwart und Zukunft. Aus diesem Grund eröffnete vor 25 Jahren das „Center for Humanistic Education“, welches an das Museum gekoppelt ist. Seine Gründerin Raja Kalisman war Lehrerin und wollte den Gedanken Zuckermans aufgrund fehlender Präsenz in bereits bestehenden Gedenkstätten und in den Leben der Jugendlichen aufgreifen.

Das Prinzip des „Center for Humanistic Education” erklärte uns eine deutsche Mitarbeiterin, die seit 10 Jahren in Israel lebt und dort bereits seit sechs Jahren arbeitet.  Sie studierte Pädagogik und Geschichte im Bachelor und spezialisierte sich in ihrem Masterstudium auf das Themengebiet des Holocausts.

Das Center arbeitet sowohl mit arabischen als auch mit jüdischen SchülerInnen, mit denen der Holocaust aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden soll. Dabei steht im Fokus, dass den SchülerInnen nicht nur die Notwendigkeit des Erinnerns, sondern vor allem auch das „Warum?“ des Erinnerns verdeutlicht wird. Da die arabischen und jüdischen SchülerInnen in Bezug auf den Holocaust unterschiedlich sozialisiert sind, ist es bei der Arbeit im Center besonders wichtig, die universelle Bedeutung der Thematik herauszustellen und die SchülerInnen zu sensibilisieren, nicht nur ihre Meinung als die einzige Wahrheit anzunehmen. Diese Kompetenz ist auch abgesehen vom Holocaust ein angestrebtes Lernziel — in dem multikulturellen Land Israel ist es wichtig, demokratische und humanistische Werte und soziale Verantwortung in den Köpfen der Jugendlichen zu verankern. 

Da das israelische Schulsystem jüdische und arabische Schulen umfasst und die jüdischen und arabischen SchülerInnen somit größtenteils getrennt voneinander aufwachsen, macht es sich das Programm zur Aufgabe, eine Dialogmöglichkeit zwischen den SchülerInnen zu schaffen. Dabei werden einzelne Schulgruppen (Alter 16-17) über ein Jahr in ca. 15 Workshopsitzungen à 3 Stunden von jüdischen und arabischen Teamern begleitet. Die einzelnen Gruppen haben zunächst separate Sitzungen, ehe die Teilnehmenden der verschiedenen Schulen zusammengeführt werden. Bei den Gruppensitzungen wird verstärkt darauf geachtet, dass die SchülerInnen die Chance erhalten, ihre Meinungen hörbar zu machen, im Austausch die Situation und Geschichte zu hinterfragen und ihre eigene Meinung zu reflektieren. Dazu ist es wichtig, eine Gruppe mit Vertrauen zu schaffen, in denen die Religionen nicht als Kollektiv gesehen werden, sondern jeder Teilnehmende eine individuelle Ansicht besitzt. Nach dem offiziellen Ablauf des Programms können die SchülerInnen freiwillig an weiteren Programmen teilnehmen, um den Austausch weiter zu fördern. Dieses Angebot wird von etwa 1/3 aller ehemaligen Teilnehmenden wahrgenommen. Ein Programm des „Center for Humanistic Education” ist laut der deutschen Mitarbeiterin dann erfolgreich, wenn die SchülerInnen am Ende fähig sind, sich über verschiedene Meinungen auszutauschen, fremde Meinungen auszuhalten und diesen Legitimität einzugestehen.

Im Anschluss an das Gespräch erhielten wir die Möglichkeit, uns die Ausstellung des Museums eigenständig zu erschließen. Eine wirklich beeindruckende Gedenkstätte, die uns ganz neue Eindrücke vermittelte.

Nach dem ernsten Thema am Vormittag erwartete uns ab Mittag bei strahlendem Sonnenschein die Kreuzfahrerstadt Akko (Acre). Die Stadt wurde vor ca. 4000 Jahren erstmals erwähnt und besteht seitdem ohne Unterbrechung. Dies ist ein außergewöhnliches Merkmal und führte dazu, dass sie 2001 zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Akko ist durch viele verschiedene geschichtliche Ereignisse geprägt und regt zum Erkunden an. Vor allem die Kreuzfahrer im 11./12. Jahrhundert nach Christus beeinflussten das Stadtbild.

Bevor wir Zeit hatten, die Stadt individuell zu erkunden, schauten wir uns gemeinsam die Zitadelle an, welche im 18. Jahrhundert von Al Jazzar auf dem Schutt der alten Kreuzritterstadt errichtet wurde. Die Ausstellung bot einen Überblick über die Entwicklung Akkos und das vergangene Leben in dieser Stadt. Einige von uns nutzten anschließend die Chance, sich wie echte Kreuzfahrer zu fühlen und schritten durch den originalen Templer Tunnel bis an die Küste des Mittelmeers. Mit diesem Blick begann unser freier Nachmittag, der auf verschiedene Art verbracht wurde. Einige von uns genossen das schöne Wetter am Hafen, andere bummelten über den Markt und einige ließen sich ein Getränk mit Blick auf das Meer schmecken, ehe es am Abend zurück nach Nes Ammim ging. Dort ließen wir den Abend bei einer kleinen Andacht zum Psalm 124 und einem gemeinsamen Spieleabend ausklingen.

Der Tag war eine gute Mischung aus ernsthaften Themen, die zum Nachdenken anregten, und ausreichend Zeit, die Seele baumeln zu lassen. Wir sind gespannt, was uns die nächsten Tage bringen werden. 

– Lea und Doreen

02.03.2020, Tag 17: Zionismus und Nakba- Flüchtlinge auf beiden Seiten

Das Thema des heutigen Tages war, zum einen die jüdische Auswanderung aus Deutschland während des Dritten Reichs sowie die Auswirkungen der damit zusammenhängenden zionistischen Bewegung für Palästina und den Nah-Ost Konflikt.

Heute morgen fuhren wir zunächst in den nahe gelegenen Moschaw Shavei Tzion, dessen Name frei übersetzt „nach Zion zurückkehren“ bedeutet. Wir wurden dort von Judy in Empfang genommen, die seit 1975 in der Siedlung lebt und nach ihrem Master in den USA in die Siedlung kam. Im Unterschied zu einem Kibbuz gab es in den Moschawim schon immer neben kollektiven auch private Besitztümern. So sind beispielsweise das Hotel, die Viehzucht und die Plantagen gemeinschaftlich geführte Bereiche. Jede Familie bewohnt jedoch ein eigenes Haus und hat private Besitztümer.

Die Anfänge der Siedlung liegen in dem süddeutschen Ort Rexingen in den 1930er Jahren. Zu dieser Zeit war ca. ein Drittel der Dorfbewohner jüdisch. Das Dorfleben gestaltete sich eigentlich harmonisch. Dies änderte sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, der bis dahin regierende liberale Bürgermeister wurde abgesetzt und das Amt von einem Anhänger des Nationalsozialismus übernommen. Danach kam es vermehrt zu diskriminierenden Maßnahmen gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Im Zuge dessen entstanden die ersten Überlegungen, Deutschland zu verlassen und sich in einer neuen Heimat anzusiedeln. Die Wahl der neuen Heimat sollte jedoch nicht willkürlich sein, sondern in dem Land der eigenen Vorfahren, also Palästina liegen. Das Vorhaben der Gemeinde sollte mit Hilfe jüdischer Organisationen umgesetzt werden, die darauf spezialisiert waren, Jüdinnen und Juden bei solch einem Anliegen zu unterstützen. Dabei war jedoch problematisch, dass diese Organisationen in der Regel Personen mit einem zionistischen Bestreben unterstützten, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Rexingen waren aber im Engeren Sinne keine Zionisten, sondern flohen vor der Gefahr, die von den Nazis ausging. Später konnten sie jedoch eine Organisation davon überzeugen, sie als Siedler nach Palästina zu überführen. Zu diesem Zweck reisten drei Gemeindemitglieder vor und erwarben mit Hilfe des Jewish National Fund das Land der heutigen Shavei Tzion. Die Bedingungen waren zunächst sehr schwierig; es war nichts vorhanden, sodass erst Unterkünfte gebaut und Bäume gepflanzt werden mussten. Hinzu kam der Kultur- und Klimaschock für viele der Einwanderer. Insgesamt gab es 95 „erste” Siedler. Zum Gelderwerb dienten v.a. Sandabbau, Viehzucht und Plantagen. Es wurde außerdem eine kleine Schule gebaut, in der die Kinder eine vielfältige Bildung erhalten konnten. Ab dem Jahr 1936 beschäftigte die Siedlung v.a. der Konflikt um den arabischen Widerstand gegen die jüdischen Einwanderer, bei dem auf beiden Seiten Opfer zu beklagen waren und der bis in die heutige Gegenwart präsent ist. Heute zählt  Shavei Tzion ca. 1200 Einwohner, 400 davon Kinder.
Neben einer originalen Baracke aus dem Jahr 1938, die auch ein kleines Museum mit Erinnerungsstücken an die früheren Siedler beinhaltet, haben wir die Synagoge der Siedlung besichtigt, die 1940 erbaut wurde. Am Ende unseres Besuches besichtigten wir noch das Archiv und die Community Hall, in der gerade die israelischen Wahlen stattfanden. Dort befindet sich außerdem ein Gedenkraum für die Jüdinnen und Juden aus Rexingen, die im Holocaust umkamen. Er enthält ein Stück der Synagogenfassade aus Rexingen sowie eine Tora Rolle, die die Verwüstung der Synagoge überstanden hat und bis heute an die Geschichte und Hintergründe der Entstehung von Shavei Tzion erinnert.

In unserer Mittagspause ging es für unsere Gruppe zum ersten Mal an den Strand, was viele sehnsüchtig erwarteten. Trotz des kalten Windes wagten sich einige ins Wasser.

Am Nachmittag trafen wir Yoseph Mubarki, einen Dozenten der Tel Aviv Universität. Er stellte seine Sicht auf die palästinensische Geschichte aus Sicht eines palästinensischen Israelis dar. Um seine Situation, sowie auch die Geschichte der Palästinenser insgesamt besser einordnen zu können, führte er uns zu einigen Orten, die für sein Leben bedeutungsvoll sind. 

Zunächst waren viele irritiert, als wir ihm durch Gestrüpp folgen sollten, denn für uns war dort zunächst nichts erkennbar, das für unser Thema relevant sein konnte. Gerade dies war jedoch letztendlich eindrucksvoll: Yoseph führte uns zu den Ruinen eines Dorfes, das von Anhängern der Haganar, der Vorgänger-Organisation der späteren israelischen Armee, zerstört wurde. Um diese Ruinen zu verbergen, wurden Kakteen und syrische Christusbäume an diesen Orten gepflanzt. Unsere Ortsbegehung führte uns weiter zu einem Fluss, dessen Überquerung für viele spaßig, für andere eine echte Herausforderung darstellte. Definitiv war es aber eine gute Team-Building-Aktivität. Auf der anderen Seite des Flusses erklärte Yoseph Mubarki, um was es sich bei dem Ort handelte: Wir standen im ehemaligen Garten seiner Eltern. Die Olivienbäume waren noch vorhanden, von Gebäuden, Zäunen oder dergleichen war nichts mehr zu sehen. 

Am Abend trafen wir uns im Gruppenraum in Nes Ammim, wo er einen Vortrag hielt. Zunächst ging es um den Hergang der Nakba (arab. = Katastrophe), womit die Palästinenser die Staatsgründung Israels 1948 und die damit einhergehenden Einahmen und Enteignungen von Gebieten durch die israelische Regierung bezeichnen. Mubarki beschrieb, dass die Bewohner Palästinas zu dieser Zeit größtenteils Bauern gewesen seien, die wenig über die Geschehnisse auf der internationalen Ebene wussten. Der Unabhängigkeitskrieg Israels, sowie gewaltsame Vorgänge vor der Staatsgründung, hätten sich zwischen den arabischen Staaten und dem zukünftigen bzw. gerade gegründeten Staat Israel abgespielt und nicht mit den einfachen Leuten als bestimmenden Akteuren. Insgesamt ist bei den Vorgängen im Umfeld der Staatsgründung Israels zu beachten, dass nicht einfach Israelis gegen Palästinenser kämpften, sondern auch die Vorgänge in der westlichen Welt, nicht zu letzt imperialistische Bestrebungen Großbritanniens, eine große Rolle spielten und auch auf Seiten der Palästinenser Ausländer (Australier und Neuseeländer) mitkämpften.

Durch die Nakba wurden nach Mubarki mindestens 370 Dörfer zerstört. Dies zog eine Flüchtlingswelle nach sich. Millionen Verwandte von Palästinensern oder geflüchtete Palästinenser leben noch heute in den umliegenden arabischen Staaten in Flüchtlingslagern und dürfen nicht nach Israel einreisen oder gar zurückkehren. Ein wichtiger Begriff hierbei sei das Wort „Awada”, womit ihre umkämpfte Rückkehr gemeint ist. 

Wie auch bei den heute stattfindenden Wahlen in Israel wahrzunehmen ist, sind die Palästinenser in Israel durch die Nachwirkungen der Nakba immer noch unterdrückt. Mubarki meint, dass die Palästinenser selbst aktiv werden müssen, um ihre Situation zu verbessern. Menschen wie er, die sich als palästinensisch definieren, trotzdem aber in die israelische Gesellschaft integriert sind, sollten hierbei eine wichtige „Brücke” der Verständigung bilden. Ebenso betonte er die Wichtigkeit von Sprache für den Austausch und die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern.

Insgesamt zeigte der heutige Tag, dass die Gründung Israels für die Flüchtlinge aus Europa der letze Ausweg aus dem Nazi Regime und Hoffnung bedeuten konnte, auch wenn die Anfänge in Israel beschwerlich waren, diese Staatsgründung aber auch Flüchtlingsströme verursachte.

– Ilka und Sina

01.03.2020, Tag 16: Zeichen für die Völker

+++EILMELDUNG: Wir freuen uns sehr Helga Kramer aus Osnabrück begrüßen zu dürfen, die pünktlich zu unserer Zeit in Nes Ammim eintraf!+++

Halb 9 im christlichen Kibbuz Nes Ammim, Galiläa: Man sieht kleine Grüppchen von SpringSchool-Teilnehmenden aus ihren Hütten zum Hauptgebäude des Kibbuz ‚cheder ochel’ pilgern. Es gibt Frühstück! Und das kann sich, dank der Hilfe von den Volontären, wirklich sehen lassen. Einmal durchs Frühstücksbuffet probiert, trafen wir Tobias Kriener vor dem Hauptgebäude. Er und seine Frau sind verantwortlich für die Organisation der Volontäre und das Gästehaus, welches heutzutage das Zentrum des ehemaligen ‚Kibbuz’ darstellt.
Doch was bedeutet der Begriff Kibbuz eigentlich? Das Wort Kibbuz kommt aus dem Hebräischen und bezeichnet eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Die Idee hinter der Gründung vor 57 Jahren war, getreu dem Namen Nes Ammim (hebr. ‚Zeichen für die Völker’; vgl. Jesaja 11,10), nach dem Schrecken des Nationalsozialismus aktive Versöhnungsarbeit zwischen Christen und Juden zu leisten und Solidarität zu Hinterbliebenen und Betroffenen zu zeigen. 

Alles begann mit der Behausung in Form eines ausrangierten Busses, auf dem noch unberührten Fleckchen Erde, in dem der holländische Gründungsvater Johan Pilon  mit seiner Familie zunächst lebte. Nicht nur die Bebauung des Landes stellte eine Herausforderung dar, sondern auch das Nachbarkibbuz ‚Lochame HaGetaot’ mit Überlebenden des Warschauer Ghettos, brachte den Christen große Vorbehalte entgegen. Doch durch Otto Busse, der einigen Juden das Leben gerettet hatte und in Israel als „Gerechter unter den Völkern” bekannt ist, wurde ein Zeichen für ein anderes Deutschland gesetzt. So wurden langwierige Gespräche mit der Regionalverwaltung und den Bewohnern des Nachbarkibbuz geführt, bis schließlich der Weg für einige deutsche Volontäre im Oktober 1971 frei wurde.
Bei der Rundführung über das liebevoll gestaltete und bepflanzte Gelände, erklärte Tobias Kriener die landschaftlichen und existentiellen Entwicklungen und Veränderungen innerhalb der Gemeinde. Eins gibt Nes Ammim jedoch seit rund 60 Jahren einen Wiedererkennungswert: Das Symbol des Kibbuz, ein Fisch vor einer Ähre. Der Fisch, als Zeichen der frühen Christenheit für Vertrauen und die Ähre, als landwirtschaftliches Zeichen, entdeckten wir am Haupthaus in Form eines Mosaiks. 

Während der Kibbuz früher Gewächshäuser mit Rosen bewirtschaftete, ist die Gemeinde heute ein Gästeort für multireligiöse Dialoge und Begegnungen von Christen, Juden, Moslems, und Vertretern vieler anderer Religionsgemeinschaften. Da nach der gezwungenen Aufgabe der Gewächshäuser der Kredit des Kibbuz nicht mehr abbezahlt werden konnte, sah sich die Gemeinschaft gezwungen, einige Bauplätze an Israelische Mitbürger zu verkaufen. Die gute Zusammenarbeit von den Bewohnern und Gästen ist jedoch, oder vielleicht auch gerade deswegen, weiterhin besonders wichtig. 

Nach dem Rundgang durften wir uns an diesem Nachmittag ausruhen. Die dringend benötigte Pause lieferte Zeit zum Reflektieren der letzten zwei Wochen, aber auch zum Waschen und Erholen. Dies war sogar bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse möglich, sodass viele ihre Tagebücher füllen und dabei die Vitamin D-Reserven wieder auffüllen konnten. Am späteren Nachmittag nahmen wir noch am Gottesdienst teil, der uns einen eher freichristlichen Perspektivwechsel bescherte. Mit englischen Lobpreisliedern und einer schmetternden Predigt zu Heskiel 3 (übrigens dem Predigttext, den auch Gabriele Zander vor zwei Wochen in Jerusalem auslegte), lieferte uns der Pastor Reflexionsfragen zu unserem eigenen Glauben und Begegnungen mit Gottes Anruf(ung) im Alltag. Cliffhanger war ein Video, in dem Gott buchstäblich auf dem Smartphone anrief. Ganz konkret lautete die Frage am Ende also: Würden wir rangehen?

Im Anschluss an ein gemeinsames Abendessen, trafen wir uns noch im Gruppenraum und konnten zwei Volontäre von Nes Ammim mit Fragen löchern. Sie erzählten uns, dass jeder Tag einzigartig sei, da täglich der Einsatzbereich wechselte und auch ständig neue Gäste vor Ort seien. Dabei seien spannende Begegnungen mit den verschiedensten Religionsgemeinschaften an der Tagesordnung. Die Volontäre verrieten uns auch, dass man sogar beim Aufräumen der Zimmer erkennen könne, welche Gäste vor Ort waren. Neben den teilweise anstrengenden Arbeiten im Gästehaus, sei aber auch genug Zeit für Ausflüge und Begegnungen mit Land und Leuten. Besonders ansprechend, so die Volontäre, sei ein Volontariat in Nes Ammim aufgrund des angebotenen Studienprogramms, welches Begegnungen mit den Religionen, dem Land und der Kultur von Israel und Palästina in den Vordergrund stelle. Auch Sprachkurse für Hebräisch oder Arabisch werden angeboten. Wer sich an dieser Stelle angesprochen fühlt, ist herzlich eingeladen, sich auf der Website von Nes Ammim über das Volontariat und alle damit verbundenen Möglichkeiten und Herausforderungen zu informieren — neue Volontäre werden immer gesucht 🙂

– Johanna und Sophie M.

29.02.2020, Tag 15: Wasser – Quelle des Lebens

Wie zuvor wurden wir von den Klängen des Muezzins gegen 4:30 Uhr geweckt. Für einen Teil der Gruppe gehört dieses mittlerweile zum morgendlichen Ritual und wird bestimmt nach unserer Reise schmerzlich vermisst werden. 

Beim Frühstück konnten wir uns ein letztes Mal in Abu Jubran, unserem lutherischen Gästehaus, stärken. In Anbetracht der immer voller und schwerer werdenden Koffer werden diese Kräfte auch benötigt 😉. Nach einem reichen Tag an Sonne, Vitamin D und Sonnenbrand ging es heute mit dem Bus nach Nablus und anschließend nach Nes Ammim.

Wir verließen Palästina durch einen Check-Point wo wir als Touristen erneut der Passkontrolle entgehen konnten. Das Auto vor uns wurde jedoch bis ins kleinste Detail kontrolliert und durchsucht. Auf unserem Weg nach Nablus fuhren wir zunächst durch Shilo. Dieser Ort spielte zur Richter Zeit eine besondere Rolle, denn hier ging im Krieg mit den Philistern die Bundeslade verloren und ist bis zur heutigen Zeit verschwunden. Daran anschließend führte uns unser Weg zum Jakobbrunnen wo wir die Geschichte mit Jesus und der Samaritanerin (Joh 4) lasen und Wasser aus dem 40 Meter tiefen Brunnenschacht schöpfen durften. Eines der Highlights dieses Tages war für uns das gegenseitige Segnen mit diesem Wasser. 

Es ging weiter ins Rathaus von Nablus, wo wir Dr. Hafez Shaheen trafen, der uns über die Thematik der Wasserversorgung in Palästina informierte. Diesbezüglich sprachen noch Dr. Anana Jayyouis, Ing. Imad Masri und Ing. Suleiman Abu Ghosh. Dr. Jayyouis zufolge werden  lediglich 11 % der Wasserressourcen den Palästinensern zugeteilt. Diese 11 % beziehen sich sowohl auf das Grundwasser als auch auf das zugeführte Wasser vom Jordan. Insgesamt beläuft sich die Wassermenge auf 2632 Millionen ccm. Die verbleibenden 89 % der Wasserressourcen werden, so Dr. Jayyouis, von Israel genutzt.

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Joh 4,13-14)

Diese Bibelstelle begleitete uns bereits am Jakobbrunnen und kann auf die Wassersituation in Palästina transferiert werden, was die Bedeutung des Wassers als Lebensquelle verdeutlicht.

Nach der Erläuterung der aktuellen Wassersituation wurden wir durch die Altstadt Nablus geführt. Der Glockenturm, kleine Passagen, Knafeh und Seifenmanufakturen waren dabei, um nur einige Sehenswürdigkeiten zu nennen. Nach der Altstadt ging es weiter auf den  Berg Garizim, von wo aus wir eine super Aussicht genießen konnten.

Bei der weiteren Reise nach Nes Ammim kamen wir dieses Mal nicht um eine Kontrolle an der Grenze herum. Jedoch ging es nach einer kurzen Kontrolle im Bus und einem Koffer-Check schnell weiter. Auf der weiteren Fahrt nach Nes Ammim genossen wir die Aussicht auf das Mittelmehr und die darüber untergehende Abendsonne.

Nach einem schnellen Einkauf für das Abendessen kamen wir in Nes Ammim an und freuen uns schon sehr, die Umgebung morgen genauer kennen zu lernen.

– Patricia und Friederike

28.02.2020, Tag 14: „Wir weigern uns Feinde zu sein!” – ein friedvoller Protest im „tent of nations”

Nach dem Weckerklingeln hieß es: Arbeitsklamotten an, Sonnencreme auftragen und Energie beim Frühstück tanken…

Heute ließen wir das Stadtgetümmel hinter uns, um Daoud Nasser in seinem „tent of nations” zu helfen und seine Geschichte aus erster Hand zu erfahren.

Daoud Nasser ist ein palästinensischer Landbesitzer, der zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern 42 Hektar Land bewirtschaftet. Er hat uns mit offenen Armen begrüßt und uns vor beeindruckender Kulisse seine Familiengeschichte erzählt. Umgegeben von fünf jüdischen Siedlungen, kämpft die Familie Nasser bereits seit 1991 vor Gericht um ihren Besitzanspruch auf das Land. Viele Palästinenser werden nämlich aufgrund fehlender Kaufverträge von der israelischen Regierung enteignet. Dies geht darauf zurück, dass zur Zeit der Osmanen Landkaufverträge häufig nur per Handschlag besiegelt wurden. Obwohl Daoud Dokumente vorweisen kann, muss er seit nun fast 30 Jahren darum kämpfen, sein Land behalten zu dürfen…

Uns fiel bereits bei unserer Ankunft des „tent of nations” die zugeschüttete Zufahrtsstraße auf, die neben Zerstörungen von Obstplantagen durch jüdische Siedler nicht das Einzige ist, womit Daoud zu kämpfen hat. Sein Besitz befindet sich an einem strategisch wichtigen Ort für das Siedlungsprojekt der israelischen Regierung, was ihn besonders begehrenswert macht. Da Daoud sich trotz Blankoscheck weigerte, sein Land zu verkaufen, ist er vermehrt mit Abrissbefehlen und fehlender Wasser- und Stromversorgung konfrontiert.

Mit dem Projekt „tent of nations” möchte die Familie Nasser einen friedvollen Raum schaffen, um über die Ungerechtigkeiten, die den Menschen in der Region widerfährt, aufzuklären. Der Name „tent of nations”, so Daoud, spielt auf das Zelt Abrahams an, welches sich durch Gastfreundschaft auszeichnete. Genau wie das Zelt Abrahams öffnet auch die Familie Nasser für alle Völker und Nationen ihre Türen und bietet neben Sommercamps für Kinder und Upcycling-Workshops auch Raum für ehrenamtliches Engagement und interkulturellen Austausch an. Gegenseitiger Respekt, Toleranz und ein „friedlicher Protest” gegen Ungerechtigkeiten werden im „tent of nations” groß geschrieben.

Das Credo der Familie lautet daher „Wir weigern uns Feinde zu sein!”, welches laut Daoud auf vier Prinzipien basiert:

Die Familie Nasser lehnt die in Palästina aufkommende Opfermentalität ab, sie möchte weder in ihren Herzen noch in Bezug auf die israelische Regierung Hass entwickeln, lässt sich vom christlichen Glauben leiten und stärken und glaubt trotz aller Umstände weiter an Gerechtigkeit.

Auf den langen Kampf der Familie sind bereits viele internationale Organisationen aufmerksam geworden, die nicht nur finanzielle Unterstützung leisten, sondern vor allem auch direkt vor Ort im „tent of nations” aktiv werden. Die Präsenz der internationalen Freiwilligen führt dazu, dass die Übergriffe der israelischen Siedler in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind. Da es nicht einfach ist, 42 Hektar Land zu bewirtschaften, haben auch wir heute unseren Beitrag geleistet.

Bei strahlendem Sonnenschein ging es um halb zehn mit Spitzhacken bewaffnet zu einem Berghang, um dort ca. 70 Olivenbäumchen zu pflanzen. Zunächst musste der Hang von Gestrüpp und Steinen befreit werden, ehe wir Löcher für die Setzlinge buddeln konnten. Nachdem das Bäumchen seinen Platz in neuer Erde gefunden hatte, mussten wir als Schutz vor Wild Drahtzäune um die neugepflanzten Bäumchen fixieren, damit diese in den kommenden Jahren Früchte tragen können. Während der Arbeit wurden wir kräftig von Daouds älterem Bruder Daher unterstützt und bei Laune gehalten. Vier Stunden und etliche Olivenbäumchen später erwartete uns ein leckeres und wohlverdientes Mittagessen, welches von Daouds Frau für uns gekocht wurde. Erschöpft aber glücklich genossen wir das Essen auf 900 Meter Höhe und konnten uns dabei mit drei internationalen Studierenden austauschen, die die Familie Nasser so wie wir unterstützten.

Zum Abschluss führte uns Daoud über das gigantische Grundstück. Er zeigte uns den Gedenkstein, der an seinen verstorbenen Vater erinnerte, der sich zu Lebzeiten ein friedliches Miteinander auf seinem Land wünschte. Anschließend führte er uns in die Familienhöhle, die uns die enge Verbindung, die er zu diesem Land hat, vor Augen führte. In dieser Höhle lebte sein Onkel bis 1987 mit seiner Frau und seinen drei Kindern, was üblich für die palästinensische Region war. Der Rundgang endete in einer kleinen Freiluftkapelle mit einer Andacht, bei der gesungen und gebetet wurde.

Wir verließen das „tent of nations” gen Bethlehem mit strahlenden Gesichtern, ein bisschen Sonnenbrand und dem Wissen, dass es in Palästina Menschen gibt, die die Hoffnung noch nicht verloren haben und sich für ein friedliches Miteinander einsetzen wollen.

– Yannik und Doreen

27.02.2020, Tag 13: „All we want is peace.“

Der heutige Tag war geprägt von den verschiedenen Perspektiven auf den Nahostkonflikt.

Der Wecker klingelte um 4:30 Uhr – bzw. die holde Stimme des Muezzins weckte uns aus sanften Träumen. Heute machte sich die zweite Gruppe auf den Weg zum Checkpoint (s. Tag 11), um sich die alltägliche Situation der Palästinenser auf dem Weg zur Arbeit nach Israel anzuschauen.

Nach dem Frühstück trafen wir auch schon unseren palästinensischen Tourguide Khaled Bannourah, der uns den Tag über durch Hebron führte. Hebron liegt gut 930m über dem Meeresspiegel und hat 215 000 Einwohner. Hebron stellt als zweitgrößte Stadt Palästinas das Wirtschaftszentrum Palästinas dar.

In Hebron angekommen, stoppten wir zuerst bei der Ausgrabungsstätte. Dort soll, wie in Gen 18 beschrieben, Abraham und Sara von drei Männern die Geburt eines Sohnes prophezeit worden sein. Zudem befinden sich an dieser Stelle Überreste des Baus einer großen Mauer, die durch Herodes des Großen im 1. Jh. v. Chr. errichtet wurde. Außer großen Steinblöcken und grünem Rasen, ist auch ein Brunnen zu sehen, an dessen Stelle Abrahams Brunnen – bzw. einer seiner Wohnorte, namens Mamre – vermutet wird.

Unser zweiter Stop war die Altstadt Hebrons. Dort erklärte uns Khaled, dass Palästina in drei Zonen aufgeteilt ist. Zone A steht unter der vollen Kontrolle der Palästinenser. Sie umschließt alle großen Städte in Palästina und macht nur 17% der Fläche aus. Zu der Zone B, mit 22% der Fläche, gehören Eingemeindungen und Dörfer, in der die Palästinenser lediglich die zivile Kontrolle besitzen. Die größte Zone C mit 61% wird voll und ganz von den Israeliten kontrolliert. Hebron ist folglich palästinensisches Gebiet, ist aber seit 1997 in eine H1- und H2-Zone aufgeteilt. Die H1-Zone steht unter der vollen Kontrolle der Palästinenser, während die H2-Zone vollkommen von Israel kontrolliert wird. Der Guide machte uns auf eine abgesperrte Straße aufmerksam, welche nicht von Palästinensern betreten werden darf. Im Gegensatz dazu sei es den jüdischen Siedlern durchaus erlaubt, Rundgänge auf palästinensischen Straßen zu machen. Sie werden dabei immer von Soldaten begleitet, die für ihren Schutz verantwortlich sind. Des Öfteren komme es zu verbalen oder körperlichen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern. Dabei schreiten die Soldaten meist erst bei körperlich gewordenen Auseinandersetzungen ein. Einige der Soldaten, die mit einem solchen Umgang nicht einverstanden sind und sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzen wollen, gründeten die Organisation „Breaking the Silence“.

Der dritte Stopp war die Andachtsstätte Machpela. Um dort hin zu gelangen, mussten wir von der H1-Zone in die H2-Zone über den Checkpoint wechseln. Wir stellten uns wie alle anderen in die Schlange. Normalerweise führt der Weg dann durch eine vergitterte Drehtür und jeder wird ähnlich wie bei einer Flughafenkontrolle durchgecheckt. Da es zu unerwarteten Verzögerungen kam, wurde unsere Gruppe nach kurzer Zeit durch einen gesonderten Eingang geführt, während die Palästinenser weiter warten mussten. Unsere privilegierte Stellung wurde uns besonders bewusst als wir die Gesichter der Einheimischen sahen. Das Gebäude, dessen Grundmauern noch aus herodianischer Zeit stammen, und das von den Kreuzfahrern eine Kathedrale war, ist 1994 geteilt worden. Ein Teil wird als Synagoge genutzt. Die andere Hälfte ist die Ibrahim-Moschee. Sie steht unter Denkmalschutz und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Christen ist es gestattet, beide Seiten anzuschauen, doch unser Guide durfte die Synagoge nicht betreten. Juden hingegen, ist es an 10 jüdischen Feiertagen im Jahr erlaubt, das gesamte Gebäude zu nutzen. Das Gebäude ist bedeutsam, weil sich hier die Grabstätten der drei Erzväter (Abraham, Isaak und Jakob) und die ihrer Frauen befinden.

Nach diesen Einblicken – und gefühlten Ungerechtigkeiten – kam die Mittagspause genau richtig, welche wir auf der Dachterrasse eines geschätzten Freundes unseres Guides verbrachten. Dieser erzählte uns von seinen persönlichen Erfahrungen mit den israelischen Siedlern. Er ist besonders bekannt geworden, da er das Angebot von 100 Mio. $ für sein Anwesen ablehnte. Vor allem die persönlichen Geschichten und Begegnungen mit Menschen berührten uns.

Nachdem wir die Perspektive der Palästinenser intensiv nachempfinden konnten, war der zweite Teil des Tages von der Sicht eines Siedlers geprägt. Nach einem Stopp in einer Glas- und Keramikfabrik besuchten wir Efrat, eine jüdische Siedlung von Hebron. Dabei fiel uns sofort auf, dass der Lebensstandard dort deutlich höher ist. Wir traten dem Gespräch mit gemischten Gefühlen entgegen, da die zuvor geschilderten und gesehenen Ungerechtigkeiten deutliche Spuren bei uns hinterließen. Der Siedler erzählte uns seine Lebensgeschichte und seine Sicht auf die aktuelle Situation. Seiner Ansicht nach ist das gesamte Land in rechtmäßigem Besitz der Israelis, welches er durch die Bibel rechtfertigte. Er sprach sich ganz klar gegen einen palästinensischen Staat aus und plädierte für eine Ein-Staaten-Lösung. Obwohl wir mit einem eher beklemmenden Gefühl in das Gespräch gingen, wurden wir durch neue Informationen bereichert, die uns zur weiteren Recherche anregten. Dabei ergaben sich viele neue Fragen und die Komplexität des Nahostkonflikts wurde besonders deutlich.

Obwohl dieser Tag uns emotional sehr bedrückte, war es schön, die Lebensfreude der einzelnen trotz ihrer aktuellen Lage spüren zu können und sowohl von israelischer als auch palästinensischer Seite zu hören: „All we want is peace.“.

– Lilliane und Isabel

26.02.2020, Tag 12: Mädchen, ich sage dir, steh auf!

Wo kann man angehende Lehramtsstudierende wohl am ehesten finden? Natürlich in einer Schule!

Heute machten wir uns gegen 6:45 Uhr auf den Weg Richtung Talitha Kumi (übersetzt heißt das ‚Mädchen steh auf’, siehe Mk. 5,41) um dort den Alltag der SchülerInnen mitzuerleben. Die Busfahrt dorthin war schon ein kleines Abenteuer, denn eine Straßenverkehrsordnung soll es hier anscheinend geben, aber befolgt wird sie von keinem. Nach der zweiten Bodenwelle die mit 50 mitgenommen wurde, waren dann wohl auch die letzten wach. In Talitha Kumi angekommen wurden wir herzlich in Empfang genommen und anschließend in die Kirche der Schule begleitet. Dort trafen nach und nach auch die SchülerInnen der 1-5 Klasse ein, um mit uns eine Andacht zu feiern. Zu dieser Andacht durften wir einen Beitrag leisten und entschieden uns im Vorfeld dafür, das Lied: „Gottes Liebe ist so wunderbar groß” mit Bewegungen zu singen.

Um 7:45 Uhr ging es dann mit der ersten Stunde los und wir durften in den verschiedenen DIA (Deutsches Internationales Abitur) Klassen hospitieren. Wir (Lucy und Niniel) nahmen am Mathematikunterricht einer 12. Klasse teil. Eine Besonderheit dieser Klasse war, dass mit Tablets gearbeitet wurde, sodass z. B. Hausaufgaben der Schülerinnen schnell abfotografiert, an die Wand geworfen und von der Klasse besprochen werden konnten. Allerdings sind solche technologischen Ausstattungen eher eine Ausnahme, wie wir später beim Hospitieren in anderen Klassen bemerkten. In der zweiten Stunde bekamen wir eine Führung über das Schulgelände und einige Informationen über den Aufbau der Schule und den des Kindergartens, der ebenfalls teil von Talitha Kumi ist. Die Institution wurde 1851 gegründet und setzte es sich zum Ziel, benachteiligten Mädchen aus der Umgebung eine Möglichkeit auf Bildung zu geben. Heute werden Jungen und Mädchen an der Schule unterrichtet und kommen vor allem aus der Umgebung, aber auch aus Ost-Jerusalem. Im Schulzweig werden etwa 800 Schülerinnen unterrichtet, im Kindergarten werden 120 Kinder betreut und im Berufsschulzweig haben 100 junge Erwachsene die Möglichkeit auf einen Abschluss. Nach der Führung ging es weiter mit einem Besuch und einer Führung durch das Umweltzentrum der Schule. Dort gibt es einen Botanischen Garten und ein Zentrum zur Analyse von Flugstrecken von Vögeln. Ein weiterer ökologischer Schwerpunkt ist die Wiederverwendung von Wasser, da die Zugänglichkeit von Wasser nicht immer gewährleistet werden kann. Mit dem Wasser werden zuerst die Hände gewaschen, dann wird es für die Toilettenspülung wiederverwendet und schließlich für die Bewässerung von Pflanzen genutzt.

Nach einer kurzen Pause wurden wir vom Stellvertretenden Schulleiter begrüßt, der uns bereits erste Fragen beantworten konnte. In der 4. Stunde schauten wir dem Religionsunterricht der 11. Klasse zu, dieser war heute in besonderer Form, da einmal im Monat der christliche und der muslimische Religionsunterricht zusammengelegt wird, um so Interreligiöser Austausch zu fördern. Es wird jeweils ein gemeinsames Thema der Religionen behandelt, heute ging es passend zum Aschermittwoch, um die Fastenzeit. In der 5. Stunde besuchten wir erneut in kleineren Gruppen verschiedene Unterrichtsstunden und Klassenstufen. Im Anschluss wurden uns die verschiedenen Möglichkeiten vorgestellt, als Lehrkraft an einer Auslandschule zu arbeiten, sowie weitere Fragen beantwortet.

Nach einem Besuch und Rundgang durch die Berufsschule (Community College) in dem die SchülerInnen die Berufe der/des Hotelfachfrau/man oder der/des Köchin/Koch lernen können, aßen wir im Gästehaus der Schule Mittag und unser Schultag war beendet.

Nach einem kurzen Fußmarsch wurden wir gegen 16 Uhr bereits an der Moschee in Beit Jala erwartet, wo uns der Imam und ein Dolmetscher Fragen zu dieser Moschee aber auch allgemein über den Islam beantworteten. Wir hatten eine angeregte Diskussion miteinander, auch hier stellte sich, wie bereits in den Gesprächen am Morgen, die Wichtigkeit von Bildung vor allem über die verschiedenen Religionen heraus.

Abends saßen wir in gemütlicher Runde beisammen, um den Tag gemeinsam abzuschließen und uns von Angelika zu verabschieden, da sie sich morgen bereits wieder Richtung Deutschland aufmacht. An dieser Stelle möchten wir uns auch noch einmal für die Zeit mit dir bedanken und ihr eine gute Reise wünschen!

Ein persönliches Anliegen ist es uns auch, Talitha Kumi zu unterstützen. Die Schule finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und ist Teil der Trägerschaft des Berliner Missionswerks. Wer die Arbeit dieser Schule unterstützen möchte, kann eine Spenden an folgendes Konto richten.

Recipient: Berliner Missionswerk
BIC/SWIFT: GENODEF1EDG
IBAN: DE32 2106 0237 0000 0716 17
Projektnummer: 4312

– Lucy und Niniel

25.02.2020, Tag 11: Islam und andere Abenteuer

Der heutige Tag begann für uns alle zu unterschiedlichen Zeiten. Die Lerchen haben sich gegen 5 Uhr in der Früh auf den Weg zum Checkpoint 300 begeben, um sich dort ein Bild von dem manchmal nicht ganz unkomplizierten Weg der palästinensischen Bevölkerung zu ihren Arbeitsplätzen in Israel zu machen. Im Gespräch mit einigen Einheimischen konnten wir abermals Eindrücke vom Leben in den besetzten Gebieten gewinnen.

Für diejenigen unter uns, denen die Anstrengungen der letzten Tage noch in den Knochen steckten, ging der Morgen ein wenig später, mit der Möglichkeit eine Andacht in der Weihnachtskirche zu besuchen, los. Uta ging dabei auf die Textstelle 1. Sam 16,1-13 ein. Dort wird von der Salbung Davids durch Samuel berichtet. Besonderes Augenmerk legte sie auf Vers 7, in dem steht: „Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.”
Gerade vor dem Hintergrund unserer gestrigen Begegnungen gewinnen diese Worte an Bedeutung und veranschaulichen ein weiteres Mal, dass man sich nicht vom Augenscheinlichen blenden lassen sollte. Vielmehr sollten wir uns unvoreingenommen begegnen.


Nach dem Frühstück in unserem frostigen Speisesaal ging es weiter mit dem theoretischen Teil des Tages. Hierfür hat sich Frau Professorin Dr. Angelika Neuwirth Zeit genommen, um uns über die Bedeutung Jerusalems im Islam zu informieren.
Angelika Neuwirth ist Professorin für Arabistik und Islamwissenschaftlerin, die in Jerusalem mit Studierenden der Dormitio-Abtei und mit Teilnehmern des Projektes „Studium in Israel” arbeitet. Darüber hinaus ist sie Senior-Professorin für Arabistik an der FU Berlin. In ihrem Vortrag zeigt sie, dass neben Mekka und Medina, die die wichtigsten Orte im Islam sind auch Jerusalem von großer Bedeutung für die muslimischen Gläubigen ist. Das die Bedeutung für den Islam oft vernachlässigt wird, wird besonders deutlich, wenn von dem Platz, auf dem die al-Aqsa-Moschee und der Felsendom stehen, als Tempelberg geredet wird, obwohl der Tempel bereits 70 n. Chr. zerstört wurde und seit etwa 1300 der Felsendom auf der Fläche steht. Der arabische, nicht so geläufige Name lautet al-Haram al-Sharif. Auch der Name Moriyah, als Ort der Bindung Isaaks (Gen 22) findet durchaus Verwendung.
Frau Neuwirths Vortrag half uns, das in Jerusalem Erlernte über die verschiedenen Heiligtümer des Islams zu vertiefen und zu einem ganzheitlichen Bild zusammenzufügen. Eine Expertin wie sie zu Gast zu haben, ermöglichte uns außerdem viele Fragen zu stellen, die sich im Laufe der letzten Tage ergaben sowie allgemeine Wissenslücken zu schließen.


Der Rest des Tages wurde für Unternehmungen in Kleingruppen verwendet. Einige Studierende nutzten die Zeit um die Milchgrotte zu besuchen. Der Legende nach säugte Maria Jesus in dieser Grotte. Dabei fiel ein Tropfen Milch zu Boden, der dafür gesorgt haben soll, dass das Gestein in der Grotte einen weißen Farbton angenommen hat. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass diese Geschichte so nicht in der Bibel zu finden ist.
Andere nutzten die Zeit für Shoppingtouren – insbesondere handgeschnitzte Olivenholz Figuren standen hoch im Kurs – oder für Spaziergänge durch die Stadt. Eine Gruppe besuchte das „The Walled Off Hotel”, das von dem berühmten Graffiti-Künstler Banksy eingerichtet und ermöglicht wurde. Das Hotel wirbt offiziell mit der schlechtesten Aussicht aller Hotels, weil es unmittelbar neben der Grenzmauer zwischen Israel und Palästina liegt. Im Inneren befindet sich neben Banksys Kunst eine Ausstellung über die Geschichte der Mauer und einiger persönlicher Geschichten israelischer Soldaten und Betroffener. Mit eindrucksvollen und interaktiven Exponaten wird hier veranschaulicht welche Ungerechtigkeit hier aus Sicht der Palästinenser geschieht. Festhalten lässt sich, dass die Studierenden unserer Gruppe nach den ersten beiden Tagen des Bethlehemaufenthalts unsicher sind, wie sie die Situation vor Ort einschätzen und ob und wie sie Position beziehen können. Deshalb ist der Wunsch nach weiteren Perspektiven und Geschichten größer denn je.

Den Abend haben wir alle gemeinsam mit einem Restaurantbesuch und einem klassischen palästinensischen Gericht ausklingen lassen. Den Namen haben wir zwar noch nicht rausgefunden, aber es war großartig. So wir machen hier Schluss, morgen geht’s früh raus….Tschüsssssi

– Yannik und Jan-Hendrik

24.02.2020, Tag 10: The other side of the wall

Nach einer etwas zu kurzen Nacht — da wir mehr als pünktlich vom Muezzin geweckt wurden — starteten wir mit einer Seminareinheit in den Tag. Als Gastreferenten durften wir Rev. Dr. Munther Isaac mit seinem Vortrag „The Other Side of the Wall – A Palestinian Christian Perspective“ begrüßen.

Munther Isaac ist seit 2017 Pastor der lutherischen Kirche in Bethlehem und ist außerdem der akademische Leiter des Bethlehem Bible College. Zentraler Punkt seines Vortrags waren die Probleme und Herausforderungen, denen sich palästinensische Christen tagtäglich stellen müssen. Deutlich werden diese Herausforderungen auf 5 Ebenen: die kirchliche, politische, wirtschaftliche, sozial-religiöse Ebene sowie die westliche Perzeption auf den Konflikt. So machen die Christen nur etwa 1% der palästinensischen Bevölkerung aus. Durch Faktoren wie Auswanderung und die weiteren oben genannten Herausforderungen nimmt die Zahl allerdings kontinuierlich ab. Die politische Situation bestimmt das alltägliche Leben der Einheimischen.

Mit Beginn des Britischen Mandats ab 1918 und der Gründung des Staates Israel 1948 begannen Einschränkungen der palästinensischen Autonomie, die mal mehr und mal weniger gravierend sind. Der 6-Tage-Krieg hatte den Verlust von 78% des historischen Palästinas an das heutige Israel zur Folge. Das heutige Palästina wird in die Gebiete A, B & C eingeteilt. Die Gebiete in Zone A verfügen über eine eigene Regierung und machen circa 4% aus. Ökonomisch gesehen sind vor allem die ungleiche Wasserverteilung zum Nachteil der palästinensischen Bevölkerung und die hohe Arbeitslosenquote sowie das niedrige BIP ein Problem. Munther Isaac machte darauf aufmerksam, dass biblische Prophetie von der Landverheißung häufig fast ungefiltert auf politische Realitäten übertragen wird.

Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg zum nahegelegenen Dar Al-Kalima University College of Arts and Culture, wo wir die Möglichkeit hatten, uns mit palästinensischen Studierenden auszutauschen. Begrüßt wurden wir mit einem pompösen Mittagessen. Gut gestärkt trafen wir nun die Studierenden aus vielen verschiedenen Fachrichtungen: Grafikdesign, Innenarchitektur, Musik, Tour-Guiding, Filmproduktion. In einer Vorstellungsrunde erklärten sie uns ihre Motivation für die jeweiligen Studiengänge, die vor allem darin liegt, dass sie durch Film und Kunst ihre individuellen Geschichten zum Ausdruck bringen, den politischen Konflikt visualisieren und Botschaften übermitteln wollen. Wie in Deutschland dauert ein Bachelorstudiengang hier 4 Jahre. Der für uns bisher unbekannte aber sehr interessante Studiengang für die Ausbildung von Tourguides verspricht in Palästina gute Jobmöglichkeiten für Einheimische. Im Gegensatz zu den anderen Studiengängen dauert dieser nur 2 Jahre, allerdings schließt sich an diese noch ein weiteres Studienjahr zum Erlernen einer zweiten Fremdsprache an. Im Anschluss an die interessante Kennenlernrunde wurden wir von den Musikstudenten mit 3 traditionellen Liedern noch einmal offiziell in Empfang genommen. Direkt danach wurden wir in Kleingruppen durch die Uni geführt, bekamen Einblicke in Abläufe und Gestaltung der verschiedenen Fachbereiche und kamen sogar ins Gespräch mit Lehrpersonen. Nach Ende des offiziellen Programms bekamen wir die Möglichkeit, mit den Studierenden die Grenzmauer von Nahem zu betrachten und das Graffiti zu bestaunen. Hier konnten wir aus erster Hand feststellen, dass an der Mauer tatsächlich keine Hassparolen zu finden sind, wie Munther Isaac uns bereits in seinem Vortrag heute Morgen berichtet hatte. Nach zahlreichen Fotos stürzten wir uns wieder in den palästinensischen Verkehr — eine sehr abenteuerliche Erfahrung. Aber mit guter Musik übersteht man alles… Abgerundet wurde der Tag mit netten Gesprächen und guten Getränken in einem nahegelegenen Café. Wir sind den Studierenden sehr dankbar für die gemeinsame Zeit und die Unterhaltungen, die uns halfen, auch den Konflikt aus Sicht junger PalästinenserInnen zu betrachten.

Die größte Herausforderung für die nächsten Tage wird für uns sicherlich der Versuch sein, einen möglichst neutralen Blick auf den Konflikt zu bekommen.

– Anne und Sophie H.

23.02.2020, Tag 9: Grenzen überschreiten: Von Israel nach Palästina

Unser heutiger Tag begann mit dem Auszug aus dem Gästehaus in Jerusalem. Bevor die Weiterreise nach Bethlehem (Palästina) losging, hatten wir noch eine Studieneinheit mit dem emeritierten Prof. Israel Yuval an der Hebrew University in Jerusalem. Mit einem breiten Lächeln empfing uns Prof. Yuval vor der Universität. Zuerst führte er uns über den Campus und zeigte uns das Amphitheater. Von diesem Punkt aus hat man eine großartige Aussicht auf die Judäische Wüste und das Jordantal. An klaren Tagen kann man von dort aus sogar das Tote Meer sehen. Auch über den Hintergrund der Hebrew University erfuhren wir einiges. Die älteste und zugleich bedeutsamste Universität Israels wurde 1925 feierlich eröffnet. Berühmte Unterstützer und Gründer der Universität waren zum Beispiel Martin Buber und Albert Einstein. Die anschließende Studieneinheit war in zwei Themengebiete aufgeteilt. Zuerst beschäftigten wir uns näher mit dem Talmud, dem neben der Tora bedeutsamsten Schriftstück des jüdischen Glaubens. Der Talmud (dt. Belehrung/Studium) beinhaltet selbst keine biblischen Texte, sondern gibt Juden Antworten auf alle wichtigen Fragen des Lebens, welche beispielsweise durch Anekdoten veranschaulicht werden. Prof. Yuval erläuterte, dass es durchaus Parallelen zwischen dem Talmud und dem Neuen Testament gibt, obwohl Juden das Neue Testament nicht anerkennen. In der zweiten Hälfte der Studieneinheit sprachen wir über das Pessachfest und Ostern. Auch hier erkannten wir, dass die wichtigsten Feste von Judentum und Christentum Gemeinsamkeiten haben und dass viele Symbole des Pessach-Festes auf Symbole der anderen Religion übertragbar sind (z.B. Maror (bittere Kräuter) – Leiden am Kreuz). 

Daraufhin wurden wir von unserem freundlichen Busfahrer an der Hebrew University abgeholt und nach Bethlehem gefahren. Je weiter wir aus Jerusalem herausfuhren konnten wir beobachten, dass sich sowohl Landschaft als auch Gebäude veränderten. Beim Grenzübergang konnte man bereits eine deutliche Veränderung der Stimmung spüren. Die hohen Mauern (mit Sprüchen und Bildern bemalt) und die Schleusen waren ein ungewohntes Bild. Im Abu Jubran Gasthaus erwartete uns unser Guide George, der uns die Geburtskirche zeigte. Diese griechisch-orthodoxe Kirche ist 1500 Jahre alt und wurde im sechsen Jahrhundert erbaut. Die in der Kirche zu besichtigende Geburtsgrotte Jesu ist durch eine Treppe ins Gewölbe zu erreichen. Dort befindet sich ein silberner Stern auf dem Boden, welcher den angeblichen Geburtsort Jesu markiert. Schräg gegenüber befindet sich der Ort an dem Jesu Krippe gestanden haben soll. Die opulenten Dekorationen und die Überreste des goldenen Mosaiks waren in dieser Kirche auffällig. Besonders interessant fanden wir die Eingangstür, welche lediglich 1,20 m hoch und 0,60 m breit ist. George erklärte uns, dass die Tür aus dreierlei Gründen klein ist:

1. Sie sollte verhindern, dass Heiligtümer und wertvolle Gegenstände aus der Kirche entwendet wurden.
2. Es sollte Soldaten auf Pferden nicht möglich sein in die Kirche einzudringen.
3. Beim Eintreten muss sich jeder Besucher gezwungenermaßen verbeugen, und zeigt damit Respekt für den heiligen Ort. Deshalb wird die Tür auch „door of humility“ genannt.

Nach der Besichtigung der Geburtskirche gingen wir zu Ahmad, welcher uns durch seinen Souvenirladen in einen Hinterhof führte, wo wir einen besonders schönen Abend verbrachten. Der große Raum, in dem die Decken mit Tüchern behangen und die Wände mit Malereien verziert waren, war sehr einladend. Ahmad und seine Mutter kochten ein traditionelles arabisches Gericht, um uns in Palästina willkommen zu heißen. Nachdem wir ausgiebig gegessen hatten, ließen wir den Abend mit arabischer Musik ausklingen. Unser Gastgeber versorgte uns mit bunten, orientalischen Gewändern, in denen wir zur Musik tanzten. Bevor wir uns wieder auf den Rückweg zum Gasthaus machten, gab es noch eine traditionelle Nachspeise und einen Minztee. Alles in allem hatten wir einen erinnerungswürdigen ersten Abend in Bethlehem.

– Jenni und Lina

22.02.2020, Tag 8: Daheim beim Rabbi

Heute Morgen haben wir uns zu Fuß auf den Weg zu einer orthodoxen Synagoge gemacht. Den Hinweg haben wir dazu genutzt, uns über unsere gestrigen Erfahrungen in den unterschiedlichen Gastfamilien und Gemeinden auszutauschen. Die Begeisterung war uns ins Gesicht geschrieben. Jeder Einzelne von uns feierte einen ganz individuellen Shabbat – traditionell mit viel Gesang, Wein und Essen. 

Nach 40 Minuten Fußmarsch kamen wir in der Synagoge an und dort war der Shabbat Gottesdienst schon im vollem Gange. Sofort stachen uns die großen Hüte der Frauen und die Gebetsschals der Männer ins Auge. Die Männer und Frauen saßen separat, durch einen weißen Vorhang voneinander getrennt. Zudem hatten die Männer festgelegte Sitzplätze, die jeweils namentlich markiert waren. Diese Beobachtungen waren im Gegensatz zum gestrigen Shabbat Abend in eher modernen orthodoxen Gemeinden neu. Dies machte die andere Ausrichtung dieser Synagoge deutlich.

Die Shabbat Gottesdienste haben in jeder Synagoge den gleichen Ablauf. Es werden die gleichen Lieder, Psalmen und Bibelstellen gesungen/gemurmelt und der Rabbiner zitiert die gleiche Textstelle aus der Tora, die für jede Woche festgelegt ist. Die freundliche Art der Juden war während des Gottesdienstes zu spüren. Sofort holten einige Frauen Gebetbücher hervor, damit wir den hebräischen Gottesdienst auf Englisch mitverfolgen konnten. Trotz der neuen und fremden Situation fühlten wir uns direkt wohl. Am Ende kamen einige Damen auf uns zu und fragten uns aus. Die grundsätzlich positive Stimmung wurde jedoch gedämpft, als wir einige Männer mit Waffen an der Hose erblickten.  Dies war eine sehr paradoxe Situation für uns. Später erklärte uns der Rabbiner weshalb das Tragen einer Waffe von Bedeutung sei. Die Waffen dienten dem Schutz im Falle eines Angriffs, weshalb sich gerade die Juden in diesem Viertel sicher in ihrem Land fühlen können.

Nachdem der Gottesdienst beendet war, empfing uns der Rabbiner namens Shlomo und ließ uns einen Blick auf die Tora werfen. Er nahm sie aus dem Toraschrein heraus, der mit vielen Schlössern verriegelt war. In diesem Schrank wurden noch andere heilige Rollen aufbewahrt. Wir erfuhren, dass eine Torarolle zwischen 50.000 bis 150.000 Dollar kostet, denn jede Rolle wird von Hand auf Tierhaut geschrieben. Um eine solche Rolle schreiben zu dürfen, ist ein abgeschlossener Studiengang und das Einhalten von 24 Stunden Fasten notwendig. 

Weiterhin berichtete Shlomo von der bereits 70 Jahre zurückliegenden Gründung der Synagoge. Diese wurde unter anderem von Holocaust-Überlebenden errichtet und besitzt 150 Familienmitglieder aus aller Welt. 

Anschließend ging es für uns zu Shlomos Familie. Seine Eltern, Frau, einer seiner Töchter und Mann warteten bereits mit einem Schnaps auf uns. Das Trinken eines alkoholischen Getränks ist ein Ritual am Shabbat, welches die Seele des Menschen für spirituelle Erfahrungen und Gespräche eröffnen soll. Außerdem war dort ein Buffet bereitet, an dem wir uns bedienen durften. Beim gemütlichen Zusammensitzen, gewährte Shlomo uns Einblicke in die Yeshiva, eine Form der religiösen Schule, die meist junge Menschen nach der Schule besuchen und dort lernen, wie jüdisches Leben praktiziert wird. Shlomo lehrt in einer Yeshiva südlich von Bethlehem, in Efrat. Hauptbestandteil ist das Studium des Talmuds und der Tora. Der Talmud beinhaltet die praxisbezogene Auslegung der Gesetze im Alltag, während die Tora die ersten fünf Bücher Mose beinhaltet. Es gibt zwei Kurse am Tag. Der Erste beginnt bereits um 6:30 Uhr morgens. Die Großteil des Tages verbringen die Lernenden im Eigenstudium in Zweier-Gruppen. Traditionell wurden nur Männer zum Tora-Studium zugelassen, jedoch durch die zunehmende Modernisierung haben die Frauen seit einigen Jahren die Möglichkeit, eine Yeshiva zu besuchen. Rund zwei Jahre dauert das Yeshiva Studium. Danach sind die Männer verpflichtet einen dreijährigen Wehrdienst anzutreten. Frauen hingegen haben die Option einen Service im Bereich Erziehung zu leisten oder auch wie die Männer zum Militär zu gehen. Zum Ende seiner Einführung durften wir Fragen an Shlomo stellen, die er uns sehr ausführlich beantwortete. Damit schlossen wir die Runde mit neuem Wissen im Gepäck und verabschiedeten uns mit einem Shabbat- Shalom.

Den Abend beendeten wieder in einer geselligen Runde mit Besuch von unserer Reisebegleiterin Tamar Avraham. Die zurückliegende Woche wurde reflektiert und wir durften Tamar ganz persönliche Fragen zu ihrer Person und ihrem Glauben stellen. Wir sind sehr dankbar, Tamar an unserer Seite gehabt zu haben, die uns sehr eindrücklich Jerusalem und seine Geschichte näher gebracht hat. Nun kann es morgen nach Betlehem weitergehen.

– Vanessa und Vivien

21.02.2020, Tag 7: Shabbat Shalom

Den heutigen Tag starteten wir entspannt mit einem etwas späteren Frühstück, denn wir trafen uns erst um 8:45 Uhr mit Tamar zur Studieneinheit „Einführung in den Shabbat”. Zur Vorbereitung auf den „Erev Shabbat” (Shabbat Abend) in Gastfamilien führte Tamar uns zunächst in den Hintergrund und die Grundsätze des Shabbats ein. Der Shabbat ist der wichtigste wöchentliche Feiertag der Juden, an dem sie an den 7. Schöpfungstag erinnern und ruhen. Biblisch erwähnt wird der Shabbat in den 10 Geboten, die sowohl im Buch Exodus (Ex 20, 2-17), als auch im Buch Deuteronomium (Dtn 5,6-21) vorkommen. Gerade das Shabbatgebot wird an den beiden Stellen unterschiedlich begründet und erhält in Deuteronomium einen sozialen Fokus, der auf die Ruhe der gesamten Gesellschaft, auch der Ausgegrenzten, gerichtet ist. In Exodus steht die Nachahmung der göttlichen Ruhe im Zentrum. Eine zentrale Regel des Shabbat ist „Du sollst keine Arbeit tun”, weshalb beispielsweise kein Feuer gemacht werden darf und die Einheit in der man wohnt, nicht verlassen werden darf. Dies kann unter Umständen Fragen nach der Definition dieser „Einheit” aufwerfen und wurde in Jerusalem dadurch gelöst, dass ein symbolischer Draht um die Stadt gespannt ist und man sich am Shabbat in dem dadurch eingegrenzten Bereich frei bewegen kann. Außerdem erklingt in Jerusalem 40 Minuten vor Beginn des Shabbat (Sonnenuntergang am Freitagabend, heute 16:55 Uhr) eine Sirene. Weitere Vorgaben sind von den ehemaligen Arbeiten an der Bundeslade abgeleitet und betreffen somit Tätigkeiten wie beispielsweise das Bauen, die landwirtschaftliche Arbeit, das Schreiben und das Jagen. Nicht misszuverstehen ist das Arbeitsverbot als Begrenzung schwerer Arbeiten, vielmehr gilt es, schöpferische Tätigkeiten zu vermeiden um somit die göttliche Ruhe zu respektieren. Obwohl uns Tamar anschließend detailliert den Ablauf des Shabbat Gottesdienstes und des Essens erklärte, zeigte sich unsere Nervosität vor dem kommenden Abend durch zahlreiche Zwischenfragen zum richtigen Verhalten in den Gastfamilien und im Gottesdienst.

Lea und Yannik hatten für 12 Uhr eine kurze Mittagsandacht in der Erlöserkirche vorbereitet, an der unter anderem ein großer Teil der Gruppe teilnahm. Am Beispiel vom Kampf von Jakob am Jabbok (Gen 32, 23-33) verdeutlichte Yannik sein persönliches Ringen mit dem Glauben im Alltag und ganz besonders hier in Jerusalem.

Bis 14:30 Uhr gestalteten wir die verbleibende Zeit individuell, sodass einige sich bei strahlendem Sonnenschein im Gästehaus ausruhten und andere durch die Altstadt-Gassen bummelten.

Am Treffpunkt in der Synagoge im vielfältigsten Viertel der Stadt, lernten wir Debbie Weisman, die Mitgründerin der Gemeinde Kehillat Yedidya kennen. Sie beantwortete uns alle Fragen zur Gemeinde, die schon 40 Jahre alt ist. Sie erklärte uns, dass sie sich auf der Basis ihrer feministischen Einstellung für die Gleichberechtigung von Frauen im jüdischen Gottesdienst einsetzt. Außerdem betonte sie, dass sich die jüdische von der christlichen Identität besonders durch ihre kulturelle und ethnische Komponente unterscheidet, was sich auch an der Verfolgung nicht religiöser Juden in der Zeit der Shoa zeigte. Debbie legte dar, dass die Shoa symbolisch für den Tod steht, dem der Shabbat als Feier des Lebens gegenüber steht.

Nachdem wir mit Debbie die Shabbatkerzen in der Synagoge entzündet hatten, teilten sich die einzelnen Gruppen in verschiedene Synagogen auf. Da jeder von uns Studierenden an diesem Abend individuelle Erfahrungen machte, werden wir im Folgenden von unserer ganz persönlichen Shabbat-Erfahrung berichten.

Wir, gemeinsam mit vier anderen Vegetarierinnen, machten uns auf den Weg zur Kehillat Zion (Zionsgemeinde), die den Shabbat in den Räumlichkeiten einer Schule feierte. Eingeleitete wurde das Gebet durch kurze Gesangs- und Meditationsworkshops. Während des Gottesdienst ist sehr viel gleichzeitig passiert. Auch wenn wir viele Elemente des traditionell jüdischen Gottesdienstes wieder erkennen konnten, waren wir sehr überrascht über die recht freie Umsetzung. Zunächst wurde 20 Minuten lang gesungen, was für uns schön anzuhören war. Die Gemeindemitglieder verhielten sich insgesamt eher liberaler als erwartet. Die Männer trugen nicht alle eine Kippa, alle unterhielten sich während des Gebets, trugen Alltags-Kleidung, liefen herum und gestalteten das Gebet sehr individuell. Dies erleichterte uns und wir hatten weniger Angst, uns falsch zu verhalten. In der Zionsgemeinde erlebten wir einen besonderen Shabbat, denn die Familien luden nicht, wie üblich, nach Haus zum Essen ein. Stattdessen feierten alle gemeinsam in der schnell zum Speisesaal umfunktionierten Turnhalle. Nach einer Woche Ernährung auf Falafel-Basis genossen wir die unterschiedlichsten einheimischen Speisen und konnten an den unterschiedlichen Tischen an vielen spannenden und persönlichen Gesprächen teilnehmen. Die Familie an unserem Tisch erklärte uns alle Traditionen und Bräuche. Zu Anfang wurde der Wein gesegnet und nach einem traditionellen Händewaschen wurde das Brot gesegnet und geschnitten (Kiddush). Zwischen Händewaschen und Brotschneiden durfte nicht geredet werden, danach verlief das Essen aber sehr gewöhnlich und wir wurden als Gäste gut in die Gemeinde aufgenommen. Zum Abschied überreichten wir einige Gastgeschenke und machten uns auf den Heimweg. Alles in allem sicher ein Shabbat-Abend der besonderen Art den wir so schnell nicht vergessen werden. 

– Sophie und Jana

20.02.2020, Tag 6: Yad Vashem und Zeitzeugengespräch

Am frühen Morgen begann der Tag damit, dass wir zum ersten Mal die öffentlichen Verkehrsmittel Jerusalems nutzten. Unser Ziel war die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. 

Bevor es jedoch in die Gedenkstätte ging, erfuhren wir etwas über den Herzlberg, der sich an die Gedenkstätte anschließt. Auf diesem Berg befindet sich auch das Grab von Theodor Herzl, dem Begründer der zionistischen Bewegung. Durch die zionistische Idee, das „Judenproblem” des 19. Jahrhunderts durch einen eigenen jüdischen Staat zu lösen, legte Herzl den Grundstein für die Gründung des Staates Israel. 

In der Vorgeschichte des Staates Israel spielte auch die Shoa eine wichtige Rolle. An diese wird in Yad Vashem erinnert. Neben einer, durch verschiedene Medien gestützten, Darstellung des historischen Verlaufs vermittelt die Gedenkstätte auch jüdisches Leben abseits des Holocaust. Kultur, Politik, Religion und auch die teils typisch deutsche Lebensweise der im deutschen Reich lebenden Juden, von denen viele im Ersten Weltkrieg gedient hatten, werden gezeigt.

Viel wird in der Ausstellung mit Zitaten und Berichten aus verschiedenen Perspektiven gearbeitet. Die dramatisch schnelle Entwicklung von der Ausgrenzung jüdischen Lebens hin zur brutalen Vernichtung wird durch einige eindrückliche Zitate verdeutlicht. So wird beispielsweise der Bücherverbrennung von 1933 als erste öffentliche Massenaktion der Diskriminierung folgendes Zitat von Heinrich Heine zugeordnet: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.”
Das verheerende Ausmaß der Shoa wird schließlich in der Opferzahl von 6 Millionen ermordeten Juden deutlich. 

Der Teil der Ausstellung, der die Judenverfolgung nach Kriegsbeginn erzählte, begann mit einer Darstellung der Ghettos: Abgesperrten Stadtteilen, in denen Juden auf zu wenig Platz eingepfercht wurden.  Auch die Überlebende Ruth Berlinger, die wir am Nachmittag treffen durften, musste mit ihrer Familie in einem solchen Ghetto leben. Ihre Schilderung davon, wie sie als neunjähriges Kind zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester zunächst das Ghetto und nach der gemeinsamen Flucht auch das Leben im Versteck bewältigten, rührte viele von uns zu Tränen. 

Zwischenmenschlichkeit in extremen Situationen war auch eins der Narrative in der Ausstellung in Yad Vashem. Spannungen und gegenseitige Fürsorge prägten das Miteinander gleichermaßen. Auch in Ruths Geschichte spielte die Fürsorge eine große Rolle: Ihre Eltern halfen im Ghetto das Leben der Kinder durch ein Waisenhaus zu erleichtern. Auch für sie versuchten ihre Eltern die schreckliche Zeit erträglich zu machen. So baute ihr Vater mit ihr im Versteck ein Puppenhaus aus einfachsten Mitteln. 
Kulturelle Tätigkeiten bzw. die Beschäftigung „im Kopf” waren auch für viele andere Opfer der NS-Verbrechen innerhalb der verschiedenen Zwangslager wichtig. In der Ausstellung wurde zum Beispiel darauf verwiesen, dass auch religiöses Leben in den Lagern weiterhin stattfand. So etwas war insgesamt ein Akt des inneren Widerstandes: Etwas anders zu machen als die Bewacher es vorgaben, etwas eigenes zu produzieren. 

Ruths Geschichte und ihre herzliche Art haben uns alle sehr berührt. Viele bedankten sich nach dem Gespräch mit persönlichen Worten bei ihr. Wir alle waren uns einig, dass wir diese Erfahrung nicht vergessen werden. 

Ruth Berlinger überlebte den Holocaust, viele andere nicht. Zumindest die Namen der Verstorbenen zu sammeln hat sich die Gedenkstätte Yad Vashem zur Aufgabe gemacht. Auch die Bedeutung des Names Yad Vashem ist hier aufschlussreich: In Jesaja 56,5 steht geschrieben: „… denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben.”

Der weitere Lebensweg der Überlebenden des Holocaust war von vielen Schwierigkeiten geprägt. Tamar Avraham, die in den vergangenen Tagen unsere Gruppe begleitet hatte, verwies auf die Parallelen der Probleme, die 1945 auf heimatlose Überlebende zukamen, im Vergleich zu den Menschen, die heute durch Flucht und Vertreibung ohne Heimat sind. Aus der Geschichte etwas mitzunehmen, ist sicherlich das wichtigste bei diesem Thema. Es geht darum, humanistische Werte zu verteidigen. 

„Der Hass war nicht nur für die Juden eine Tragödie. Es ist eure Verpflichtung, dem Hass entgegenzutreten. Denn Hass zerstört all unsere Chancen und Möglichkeiten.”

Ruth Berlinger

– Sina und Ilka

19.02.2020, Tag 5: Ab in die Berge

Nach 16 Kilometern und ca. 18.000 Schritten war die Andacht in der Erlöserkirche eine gute Möglichkeit, die Seele baumeln zu lassen und das Erlebte zu verarbeiten.
Aber von vorne…

Gut gestärkt starteten wir nach dem Frühstück in Richtung Ölberg. Unsere erste Station war die Kirche der Nationen, die ihren Namen den vielen Ländern zu verdanken hat, die sich an ihrer Errichtung beteiligt haben. Auch bekannt ist sie unter dem lateinischen Namen Basilica Agoniae Domini oder als Todesangstbasilika. Mit diesem Ausdruck soll an Jesus erinnert werden, der vor seiner Kreuzigung noch einmal an den Fuß des Ölbergs zurückkehrt, zu Gott spricht und mit den Worten „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! (Mk 14,36)“. Zum einen zeigt dies seine Menschlichkeit, im selben Zug aber auch, dass er Gottes Entscheidung akzeptiert. Symbolisch dargestellt wird diese Akzeptanz durch die bewusste Entscheidung gegen die Flucht durch die Wüste, die hinter dem Ölberg beginnt. In der Kirche soll dieses letzte nächtliche Gebet durch dunkle, mit Sternen bemalte Decken und wenig einfallendes Licht nachempfunden werden.

Durch den Garten Gethsemane begann unser Aufstieg auf den Ölberg. Diese Wanderung vorbei an dutzenden Oliven-, Feigen-, Mandel-, und Granatapfelbäumen bot nicht nur eine malerische Kulisse, sondern auch eine Möglichkeit sich in der Gruppe besser kennenzulernen. In den vielen kleinen Gesprächen konnten wir die Eindrücke und Erfahrungen der letzten Tage Revue passieren lassen.

Oben angekommen trafen wir die Pastorin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache, Gaby Zander, mit der wir am vergangenen Sonntag in der Erlöserkirche Gottesdienst feierten. Gemeinsam erklommen wir die 230 Stufen des Turms der Himmelfahrtkirche. Bevor wir den tollen Ausblick genießen konnten, mussten wir aber erst einmal zu Atem kommen – man, war das anstrengend! Von dort oben sahen wir nicht nur uns schon vertraute Bauwerke der Altstadt, sondern konnten bis weit in die Wüste auf die andere Seite des Ölbergs schauen. Die Kirche, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Wilhelm II gebaut wurde, atmet den Geist der Kaiserzeit. So sind die Kreuzfahrer im Deckengemälde der Kirche verewigt und der Kaiser selbst hat sich in den heiligen Thomas malen lassen. Die 100 eingetragenen Gemeindemitglieder, die häufig nur für einen begrenzten Zeitraum in Jerusalem leben, feiern ihre Gottesdienste meist in der Erlöserkirche und die Himmelfahrtkirche wird mit ihrer großen Sauerorgel, eine der besten im Land, eher für Konzerte genutzt. Unterstützt wird die Gemeinde von tatkräftigen Volontären, die in dem Café direkt neben der Kirche arbeiten. Das Café, ist nicht nur ein wichtiges Standbein der Gemeinde, sondern diente uns auch als Ort für eine kleine Verschnaufpause und einen kleinen Snack.

Nach dieser Erfrischung ging es top motiviert weiter. Unser nächster Halt war die Pater Noster Kirche, die an dem Ort erbaut wurde, an dem Jesus seinen Jüngern das Vater Unser gelehrt haben soll. Aus diesem Grund findet man an den Mauern dieses im 20. Jahrhundert gebauten Klosters Kacheln mit dem Vater Unser in über 170 Sprachen und Dialekten, so auch auf Plattdeutsch. Ganz besonderes Leben wurde diesem Gebet eingehaucht, als Tamar auf Hebräisch und Angelika auf Griechisch vorlasen.

Frei nach dem Motto „back to the roots“ kamen wir am Aussichtspunkt vorbei, an dem wir am ersten Tag den Sonnenuntergang über Jerusalem bewundern durften. Nun sahen wir die Stadt allerdings mit ganz anderen Augen: Viele der Gebäude kamen uns nun sehr bekannt vor und wir konnten die Erlebnisse der letzten Tage mit ihnen verknüpfen. Unter der Aussichtsplattform befindet sich der große jüdische Friedhof, der heute jedoch nicht mehr als Hauptfriedhof genutzt wird. Die kleinen Steine auf den Gräbern seien ein relativ moderner Brauch, erklärte uns Tamar.

Nicht weit entfernt erreichten wir die Dominus Flevit Kirche. Das Besondere an dieser Kirche war nicht nur die Form, die an eine Träne erinnern soll, sondern auch die Ausrichtung, die nicht, wie sonst üblich, nach Osten ist, sondern nach Westen mit Blick auf die Altstadt und auf die Grabeskirche.

Durch das Kidrontal ging es erst bergab und dann wieder bergauf durch das Zionstor zum Zionberg. Der Legende nach fand dort das letzte Abendmahl statt, auch wenn dies so nicht in der Bibel erwähnt wird. Außerdem befindet sich dort der als Davidsgrab verehrte Ort, der für alle drei Religionen (Judentum, Christentum und Islam) heilig ist.
Einen runden Abschluss bot uns die Andacht in der Erlöserkirche, womit wir wieder am Anfang unserer kleinen Geschichte wären.

– Kilian und Anne

18.02.2020, Tag 4: Religiöse Vielfalt in Jerusalem

Auch heute trafen wir uns wieder früh mit Tamar, diesmal am Fuße des Tempelbergs oder wie die Muslime sagen: ‚Haram Ash Sharif’. Im Gegensatz zu gestern konnten wir nicht durch das Lions Gate als Gäste auf das Tempelplateau, sondern mussten, wie alle Touristen, durch die Sicherheitskontrollen, wo unsere Taschen durchleuchtet wurden. Uns fiel beim Eingang eine Gruppe von orthodoxen Juden auf, die von mehreren Polizisten eskortiert wurde. Tamar erklärte uns, dass die Anwesenheit von Juden auf dem Tempelberg inzwischen toleriert, aber aus Vorsichtsmaßnahmen kontrolliert und begleitet wird. Hierbei fiel uns noch einmal die starke Polizeikontrolle und Vorsicht auf, die hier vorherrscht.

Heute ist uns noch deutlicher klar geworden, wie problematisch die Situation am Tempelberg wirklich ist. Trotz der vielen Traditionen, die der Islam und das Judentum teilen — beispielsweise dass der Tempelberg als Zentrum der Welt gesehen wird — kann es zu keiner Einigung kommen, was für uns schwer zu begreifen ist.
Nach einem Rundgang auf dem Tempelberg, gingen wir anschließend in die Davids-Zitadelle. Der Ausblick vom höchsten Turm war überwältigend. Wir konnten die gesamte Altstadt betrachten. Beim Rundgang durch das Museum konnten wir die Geschichte der Stadt nachvollziehen. Es wurde beispielsweise dargestellt, wie der herodianische Tempel wahrscheinlich ausgesehen hat. Zudem konnte man sich die Davidsstadt im Modell ansehen und sehen, wie sich die Stadtmauern von Jerusalem im Verlauf der Zeit verändert haben. Durch die Räume, zu den verschiedenen Zeitabschnitten, sind uns wichtige historische Eckdaten noch einmal bewusst geworden. Besonders die Stadtmodelle, die verschiedenen Zeiten der Stadtgeschichte darstellten, halfen uns, einen Überblick zu der Stadtentwicklung zu bekommen. Nach einer Stunde Mittagspause trafen wir uns im Gästehaus zu einer erneuten inhaltlichen Einheit mit Tamar. Dieses Mal ging es um das Thema „christliche Konfessionen”. Sie erklärte uns, wie sich das Christentum aus dem Judentum heraus entwickelte. Nachdem das Urchristentum noch sehr einheitlich geprägt war, wie zum Beispiel durch den Missionar Paulus, entstanden im Laufe der Zeit unterschiedliche Konfessionen innerhalb des Christentums. Die Gemeinden unterscheiden sich dabei in ihren Glaubensvorstellungen und Traditionen. So lassen sich auch die Ansprüche der unterschiedlichen Konfessionen auf die Grabeskirche erklären. Zu diesen Konfessionen gehören die armenische, die griechisch-orthodoxe, die koptische, die äthiopische, die syrische und die katholisch-lateinische Kirche. Alle diese Gemeinden feiern zu unterschiedlichen Zeiten ihre Gottesdienste in der Grabeskirche. Die evangelische Kirche kam sehr viel später nach Jerusalem und hat deshalb keinen Anspruch auf die Grabeskirche. Ihr Zentrum ist die nahegelegene Erlöserkirche.

Nachdem wir viel Theoretisches über die verschiedenen Konfessionen gehört hatten, machten wir uns auf den Weg, um uns zwei der besprochenen Kirchen anzuschauen.

Zunächst besichtigten wir die griechisch-katholischen Kirche. Hier fielen uns als erstes die bunten Farben und goldene Akzente an Wänden und Decke auf. Diese Bemalungen sind typisch für orthodoxe Kirchen. Die Gemälde an den Wänden stellen die Geschichte von Jesus dar, angefangen bei der Verkündigung der Geburt Jesu, bis hin zum Pfingst-Ereignis. Auch typisch orthodox ist die golden verzierte Ikonostase, die den heiligen Altar vor der Gemeinde verbirgt. Diese Tradition ist angelehnt an die Verschleierung der Bundeslade im Judentum. Danach ging es endlich in die Grabeskirche, auf die sich viele von uns sehr gefreut hatten. Bei der Ankunft merkten wir schnell, wie überfüllt die Kirche von Touristen war. Im Allgemeinen hatten wir uns diesen Ort anders vorgestellt. Es konnte kaum eine besinnliche Stimmung aufkommen, bei den vielen Menschen, die warteten und drängelten, um den Berg Golgatha (Kreuzigungsort Jesu), die Salbungsstätte und das Grab Jesu berühren und küssen zu können. Durch die für uns sehr befremdlichen Glaubenspraktiken merkten wir schnell, wie unterschiedlich das Christentum ausgelebt wird und wie die hier vorherrschenden Glaubensvorstellungen sich vom unserigen, westlich geprägten Glauben unterscheidet. Wir entschlossen uns, gemeinsam an einem anderen Tag und zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederzukommen, um die Grabeskirche noch einmal in einer anderen Atmosphäre erleben zu können.

Am Abend nahmen einige aus unserer Gruppe noch am Gemeindeabend der Erlöserkirche teil. Jonas Blume von der KFW Entwicklungsbank der Bundesregierung hielt einen Vortrag über ihre Projekte in Gaza. Schwerpunkt der Entwicklungsförderung dort ist die Wasser- und Abwasserversorgung, die dort katastrophal ist. Die natürlichen Wasserressourcen werden permanent über-nutzt, was dazu führt, dass das Grundwasser versalzt und durch Abwasser und Dünger auch verseucht ist. Daher hat die KFW für 86 Millionen Euro in Gaza eine neue Kläranlage finanziert, die die Sanitär-Versorgung der über 2 Millionen Einwohner sichern soll. Das Refektorium war sehr gut gefüllt und viele beteiligten sich angeregt bei der anschließenden Diskussion.

Insgesamt können wir sagen, dass wir mit jedem Tag und mit jeder neuen Einheit einen tieferen Einblick in die Hintergründe dieser Stadt und die Menschen bekommen, die hier ihren Glauben auf unterschiedliche Weise ausleben.

– Jana und Charlotte

17.02.2020, Tag 3: Zwischen Halbmond und Davidstern

Gut gestärkt vom Frühstück brachen wir, die einen mehr, die anderen weniger ausgeschlafen, auf, um den Felsendom und die Al-Aqsa Moschee auf der Spitze des Tempelbergs zu besichtigen. Über die Via Dolorosa ging es Richtung Lions Gate, wo wir unseren Guide Ahmed Abu Hadid trafen. Nachdem sich besonders die Teilnehmerinnen weite Röcke angezogen und das Haar mit einem Tuch bedeckt hatten, ging es über eine überraschend weitläufige und grüne Anlage, den Haram Ash Sharif, zu den Treppenstufen vor dem Felsendom. Der nach Mekka und Medina als dritt-heiligste Moschee bekannte Dom wurde von Omaijadenkalif Abdel Malik von 688 bis 691 erbaut und in weiteren Etappen restauriert. Der Haram el Sharif beeindruckte uns nicht nur durch seine unglaubliche Größe von 35 000 Quadratmetern, sondern auch durch den prunkvollen Felsendom, dessen Kuppel mit 80 Kilogramm Gold veredelt wurde. Für die Muslime ist er besonders wichtig, da im Felsendom die Spitze des Berges Moriah zu sehen ist, auf welcher die Himmelfahrt Mohammeds stattgefunden haben soll. Gerade deshalb war es auch ein besonderes Privileg für uns, die Moschee betreten zu dürfen, da Nicht-Muslimen der Zutritt zur Zeit in der Regel verwehrt wird. Sowohl außen, als auch innen, faszinierten der Felsendom und die Al-Aqsa Moschee mit reichen Verzierungen und Farben auf Decke, Teppich und Wänden.

Anschließend verließen wir die Tempelanlage durch das Chain Gate, um unsere Reiseführerin Tamar Avraham an der Klagemauer zu treffen. Hier mussten sich nun die Männer gemäß der jüdischen Tradition eine Kopfbedeckung aufsetzen. Obwohl wir bereits wussten, dass einige Jungen und Mädchen ihre Bar/Bat Mitzwa an der Klagemauer feiern, waren wir doch erstaunt, wie viele Feiergäste vor Ort ausgelassen feierten. Auch die angrenzenden Straßen waren von fröhlicher Musik und tanzender Menschen erfüllt, blaue und weiße Luftballons steigen in die Luft. Die vergnügten Menschen versüßten uns den Weg zum Davidson Center, einer archäologischen Ausgrabungsstätte an der West- und Südmauer der ehemaligen Tempelanlage, wo uns Tamar noch weitere Informationen über die Klagemauer vermittelte.

So wichtig wie die Moscheen auf dem Tempelberg für Muslime sind, so wichtig ist die Klagemauer für Juden. Anhand der Vielzahl von betenden Menschen an der Mauer, aufgeteilt nach Geschlecht, war dies auch ohne große Erklärungen von Tamar spürbar. Juden und Nicht-Juden standen an der Mauer und steckten sogenannte Kvittelchen in die Mauerritzen, auf denen üblicherweise Dankesbotschaften und Gelübde an Gott aufgeschrieben werden.

In der Ausgrabungsstätte, welche sich auf dem Areal unter der Al-Aqsa Moschee befindet, wurde uns das schiere Ausmaß, sowie der räumliche Zusammenhang des Tempelareals bewusst, welches heutzutage als Heiligtum von Juden und Muslimen angesehen wird. Da jedoch die Heiligtümer der Muslime von Juden nicht betreten werden dürfen, fühlen sich diese der Westmauer besonders verbunden und betreten das ehemalige Tempelareal meist nicht.

Auf den jahrhundertealten Stufen vor den Hulda-Toren sitzend, erzählte Tamar vom Tempel zu Jesu Zeiten, welcher dem von König Salomo, dem Sohn des König Davids, erbauten ersten Tempel nachempfunden war. Die genauen Angaben zum Aufbau werden in der Bibel ab Exodus 25 beschrieben. Unter anderem besteht dieser aus einem Vorhof, einem Altarraum für Tieropfer und dem Allerheiligsten. Letzteres durfte nur einmal im Jahr vom Hohepriester betreten werden und enthielt die Bundeslade und den Thronsessel Gottes.

Nach dem straffen Vormittagsprogramm, stand eine wohl verdiente Mittagspause im jüdischen Viertel an, wo sich alle nach Lust und Laune verpflegen durften.

Danach ging es mit schnellen Schritten in die südlich gelegene Davidsstadt, dem älteste Teil Jerusalems. Das Gründungsviertel ist heutzutage nur sehr wenig bebaut, da dort eine politisch aufgeladene und umstrittene Ausgrabungsstätte gegründet wurde, welche mutmaßlich den Palast von König David beherbergt. Auch hier wurde der Konflikt zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung deutlich, da die arabische Bevölkerung im angrenzenden Viertel Silwan wohnt und dort teilweise unter den Ausgrabungen durch Schäden an Haus und Grund leidet.

Mit all diesen Eindrücken ging es den steilen Berg hinauf zurück in die Altstadt zu unserem Gästehaus, wo wir noch einmal über die besondere Stellung des Tempels im Alten Testament aus christlicher und jüdischer Sicht sprachen. Nach 10,5 Stunden von Kopf- und Fußarbeit, ging es in den wohlverdienten Feierabend.

– Johanna und Sophie M.

16.02.2020, Tag 2: Über den Dächern Jerusalems

Der heutige Tag fing mit der Sonne an, die uns schon morgens um 07.00 Uhr einen eindrucksvollen Blick von der Terrasse unserer wunderschönen Unterkunft erlaubte. Nicht nur der Ausblick, sondern auch das Essen und nicht zuletzt das Gästehaus selbst sind einfach toll.

Einige von uns machten sich schon vor dem Frühstück auf den Weg durch die Gassen der Altstadt, in denen man sich schnell verlaufen kann. Zum Glück haben wir den Weg zurück gefunden — da schmeckte der Morgenkaffe direkt noch besser.

Der erste Punkt auf unserem Tagesplan war der Abendmahls-Gottesdienst in der Erlöserkirche der Stiftungen der EKD im Heiligen Land. Der Sonntag Sexagesimae stand unter dem Wochenspruch: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht (Hebr. 3, 15).” Neben Predigt, Abendmahl und der bewundernswerten Stimme der Solosopranistin Heidi Vetter, die die gesamte Kirche erfüllte, sorgte die eh schon besondere Atmosphäre für einen gelungenen Start in den Tag und unsere Reise. Ungewohnt war jedoch für alle der Gebetsruf des Muezzins, der während des Abendmahls erklang. Spätestens jetzt waren die letzten in Israel angekommen und merkten, dass nicht nur eine Religion in Jerusalem vertreten ist.

Der Hunger meldete sich, und so machten wir uns auf den Weg durch den Souk, den Basar im Zentrum der Altstadt, zu einem Falafel-Stand. Nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis war unschlagbar, wir befanden uns außerdem auf einer der Straßen, die bereits zu Zeiten der Römer durch die Stadt führten. Ein Highlight waren die Lastenmotorräder, die sich scheinbar mühelos durch die engen Wege manövrierten. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder bei der Arbeit halfen, die Gerüche, die aus den kleinen Läden stömten, die vielen Menschen in den Gassen, das lebendige Treiben um uns herum zeigte einmal mehr einen und völlig fremden Alltag.

Nach einer kurzen Pause in unserer Unterkunft ging es direkt weiter zur Stadtmauer, die im 16. Jhd. Auf römischem Fundament vom osmanischen Sultan Süleyman I. erbaut wurde und nur im Südosten vom Tempelberg unterbrochen wird. Diese betraten wir über das Jaffa Tor an der Westseite der Altstadt. Während in der Davidszitadelle (Festung in der Altstadt), direkt nebenan, heute ein Museum ist, diente sie seit der Erbauung zu Zeiten von Herodes meist als Sitz der Regierenden. Die folgenden fünf Kilometer bestanden aus Treppenstufen, mit ständig wechselnder Höhe und dem einen oder anderen Stolperstein. All das lohnte sich aber sehr, denn von hier aus hatten wir die Dächer von Jerusalem immer im Blick. Unsere Reiseführerin Tamar Avraham verlor nie die Orientierung und kannte jeden Ziegel auf jedem Kirchturm, von denen wir einige zu sehen bekamen. Auch hier wurde uns die Vielfalt der verschiedenen Religionen noch einmal vor Augen geführt. Neben den vielen Kirchen erfuhren wir unglaublich viel über die vier Vier Viertel der bewohnten Altstadt, dem muslimischen Viertel im Nordosten, dem jüdischen Viertel im Südwesten, dem armenischen Viertel und dem christlichen Viertel im Nordwesten. Wieder wurde uns bewusst, wie beeindruckend es ist, dass so viele verschiedene Glaubensgruppen auf so engem Raum zusammenwohnen können. Trotzdem wurde ein gewisser Konkurrenzkampf der Viertel deutlich, der unter anderem durch einen riesigen Weihnachtsbaum im christlichen Viertel zum Ausdruck kam. Dieser ragte so hoch auf, dass er selbst von außerhalb der Mauer nicht übersehen werden konnte. Nach einer eher zum Schmunzeln anregenden Anekdote, wurde uns etwas mulmig. Es fielen Schüsse in der Altstadt, die Tamar jedoch nicht aus der Ruhe brachten. Es sei nicht ungewöhnlich, dass auch mal jemand auf Tauben schieße. Wir waren also in Sicherheit. Just in Time verließen wir kurz vor Schließung die Stadtmauer im arabischen Viertel am Löwen Tor.

Auf dem Weg zurück zum Gästehaus wuchs der zunächst eher nieselnde Regen zu einem starken Schauer an, der die schmalen Gassen in kleine Sturzbäche verwandelte. Für uns ein Graus, für die Einheimischen ein Segen, wurde der Wolkenbruch mit einem „Hallelujah!“ begrüßt.

Die nassen Jacken aufgehängt und mit Stift und Papier bewaffnet, ging es direkt weiter mit einer Studieneinheit mit Tamar über die Geschichte Jerusalems in der hebräischen Bibel. Hier konnten die Eindrücke vom Nachmittag direkt ganz anders gefestigt werden. Nicht seit Anbeginn der Zeit war Jerusalem der Mittelpunkt der verschiedenen Religionen. Erst David machte Jerusalem zur heiligen Stadt, wie sie in der Bibel beschrieben wird. Aber nicht nur zuhören, sondern auch Mitarbeit war in dieser Vorlesung von Tamar gefragt. Zum Schluss durften wir selbst in typischer jüdischer Art ein Bibelstudium in kleinen Gruppen durchführen und uns über unterschiedliche Bibelstellen austauschen.

Zum Abschluss dieses ereignisreichen Tages ging es zum selbst ernannten „King of Falafel“, einem kleinen Lokal in der Nähe unseres Gästehauses. Die Falafeln waren wirklich sehr lecker! Mit einer Abschlussbesprechung und Feedback-Runde ließen wir einen langen Tag gemeinsam ausklingen und beschlossen ihn mit einem gemeinsam gesungenen Abendlied. 

— Kilian und Vanessa

15.02.2020, Tag 1: Die Reise geht los…

Freitag, 2.40 Uhr: Die Taschen sind gepackt, alles ist vorbereitet und die Vorfreude steigt – es kann losgehen. Die Studierenden von fünf verschiedenen Universitäten in Niedersachsen reisen nach und nach an – mit dem Zug, dem Bus oder dem Auto machen wir uns auf den Weg nach Berlin, von wo aus uns der Flieger nach Israel bringen wird. Um 7.30 Uhr treffen wir uns dann endlich am Flughafen Berlin Tegel und die Reise kann wirklich beginnen.

Der Flug vergeht ruhig und wir nutzen die Zeit, um den verpassten Schlaf nachzuholen. Es ist schön zu sehen, wie schon diese kurze Zeit uns als Gruppe näher zusammen gebracht hat. Die Einreise klappt problemlos. Bald ist alles Gepäck eingesammelt und wir sind auf dem Weg in die israelische Sonne. Wir schießen das erste Gruppenfoto, staunen über den blauen Himmel, genießen die Sonne und die frische Luft. Einige von uns stellen fest, wie anders alles hier riecht und wie fremd und doch wunderschön alles um uns herum ist. Mit der Sonne im Rücken fahren wir gen Jerusalem und auf der Fahrt hinauf lassen wir israelische und palästinensische Siedlungen hinter uns. Hier bekommt das Lied „Wir gehen hinauf nach Jerusalem” plötzlich einen ganz neuen Sinn. 

Der Bus bringt uns weiter hinauf, bis wir den ersten Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg aus erhaschen können. Wir halten an einem Aussichtspunkt und genießen das Panorama. Der Blick auf die Altstadt vor dem Hintergrund des rosa leuchtenden Himmels ist einfach atemberaubend und wir können nur vermuten, was uns in den kommenden Wochen erwarten wird.