Tag 8: Daheim beim Rabbi

Heute Morgen haben wir uns zu Fuß auf den Weg zu einer orthodoxen Synagoge gemacht. Den Hinweg haben wir dazu genutzt, uns über unsere gestrigen Erfahrungen in den unterschiedlichen Gastfamilien und Gemeinden auszutauschen. Die Begeisterung war uns ins Gesicht geschrieben. Jeder Einzelne von uns feierte einen ganz individuellen Shabbat – traditionell mit viel Gesang, Wein und Essen. 

Nach 40 Minuten Fußmarsch kamen wir in der Synagoge an und dort war der Shabbat Gottesdienst schon im vollem Gange. Sofort stachen uns die großen Hüte der Frauen und die Gebetsschals der Männer ins Auge. Die Männer und Frauen saßen separat, durch einen weißen Vorhang voneinander getrennt. Zudem hatten die Männer festgelegte Sitzplätze, die jeweils namentlich markiert waren. Diese Beobachtungen waren im Gegensatz zum gestrigen Shabbat Abend in eher modernen orthodoxen Gemeinden neu. Dies machte die andere Ausrichtung dieser Synagoge deutlich.

Die Shabbat Gottesdienste haben in jeder Synagoge den gleichen Ablauf. Es werden die gleichen Lieder, Psalmen und Bibelstellen gesungen/gemurmelt und der Rabbiner zitiert die gleiche Textstelle aus der Tora, die für jede Woche festgelegt ist. Die freundliche Art der Juden war während des Gottesdienst zu spüren. Sofort holten einige Frauen Gebetbücher hervor, damit wir den hebräischen Gottesdienst auf englisch mitverfolgen konnten. Trotz der neuen und fremden Situation fühlten wir uns direkt wohl. Am Ende kamen einige Damen auf uns zu und fragten uns aus. Die grundsätzlich positive Stimmung wurde jedoch gedämpft, als wir einige Männer mit Waffen an der Hose erblickten.  Dies war eine sehr paradoxe Situation für uns. Später erklärte uns der Rabbiner weshalb das Tragen einer Waffe von Bedeutung sei. Die Waffen dienten dem Schutz im Falle eines Angriffs, weshalb sich gerade die Juden in diesem Viertel sicher in ihrem Land fühlen können.

Nachdem der Gottesdienst beendet war empfing uns der Rabbiner namens Shlomo und ließ uns einen Blick auf die Tora werfen. Er nahm sie aus dem Toraschrein heraus, der mit vielen Schlössern verriegelt war. In diesem Schrank wurden noch andere heilige Rollen aufbewahrt. Wir erfuhren, dass eine Torarolle zwischen 50.000 bis 150.000 Dollar kostet, denn jede Rollte wird von Hand auf Tierhaut geschrieben. Um eine solche Rolle schreiben zu dürfen, ist ein abgeschlossener Studiengang und das Einhalten von 24 Stunden Fasten notwendig. 

Weiterhin berichtete Shlomo von der bereits 70 Jahre zurückliegenden Gründung der Synagoge. Diese wurde unter anderem von Holocaust-Überlebenden errichtet und besitzt 150 Familienmitglieder aus aller Welt. 

Anschließend ging es für uns zu Shlomos Familie. Seine Eltern, Frau, einer seiner Töchter und Mann warteten bereits mit einem Schnaps auf uns. Das trinken eines alkoholischen Getränks ist ein Ritual am Shabbat, welches die Seele des Menschen für spirituelle Erfahrungen und Gespräche eröffnen soll. Außerdem war dort ein Buffet bereitet, an dem wir uns bedienen durften. Beim gemütlichen Zusammensitzen, gewährte Shlomo und Einblicke in die Yeshiva, eine Form der religiösen Schule, die meist junge Menschen nach der Schule besuchen und dort lernen, wie jüdisches Leben praktiziert wird. Shlomo lehrt in einer Yeshiva südlich von Bethlehem, in Efrat. Hauptbestandteil ist das Studium des Talmuds und der Tora. Der Talmud beinhaltet die praxisbezogene Auslegung der Gesetze im Alltag, während die Tora die ersten fünf Bücher Mose beinhaltet. Es gibt zwei Kurse am Tag. Der Erste beginnt bereits um 6.30 Morgens. Die Großteil des Tages verbringen die Lernenden im Eigenstudium in Zweier-Gruppen. Traditionell wurden nur Männer zum Tora-Studium zugelassen, jedoch durch die zunehmende Modernisierung haben die Frauen seit einigen Jahren die Möglichkeit, eine Yeshiva zu besuchen. Rund zwei Jahre dauert das Yeshiva Studium. Danach sind die Männer verpflichtet einen dreijährigen Wehrdienst anzutreten. Frauen hingegen haben die Option einen Service im Bereich Erziehung zu leisten oder auch wie die Männer zum Militär zu gehen. Zum Ende seiner Einführung durften wir Fragen an Shlomo stellen, die er uns sehr ausführlich beantwortete. Damit schlossen wir die Runde mit neuem Wissen im Gepäck und verabschiedeten uns mit einem Shabbat- Shalom.

Den Abend beendeten wieder in einer geselligen Runde mit Besuch von unserer Reisebegleiterin Tamar Avraham. Die zurückliegende Woche wurde reflektiert und wird durften Tamar ganz persönliche Fragen ihrer Person und ihrem Glauben stellen. Wir sind sehr dankbar, Tamar an unserer Seite gehabt zu haben, die und sehr eindrücklich Jerusalem und seine Geschichte näher gebracht hat. Nun kann es morgen nach Betlehem weitergehen.

– Vanessa und Vivien

Tag 7: Shabbat Shalom

Den heutigen Tag starteten wir entspannt mit einem etwas späteren Frühstück, denn wir trafen uns erst um 8:45 Uhr mit Tamar zur Studieneinheit „Einführung in den Shabbat”. Zur Vorbereitung auf den „Erev Shabbat” (Shabbat Abend) in Gastfamilien führte Tamar uns zunächst in den Hintergrund und die Grundsätze des Shabbats ein. Der Shabbat ist der wichtigste wöchentliche Feiertag der Juden, an dem sie an den 7. Schöpfungstag erinnern und ruhen. Biblisch erwähnt wird der Shabbat in den 10 Geboten, die sowohl im Buch Exodus (Ex 20, 2-17), als auch im Buch Deuteronomium (Dtn 5,6-21) vorkommen. Gerade das Shabbatgebot wird an den beiden Stellen unterschiedlich begründet und erhält in Deuteronomium einen sozialen Fokus, der auf die Ruhe der gesamten Gesellschaft, auch der Ausgegrenzten, gerichtet ist. In Exodus steht die Nachahmung der göttlichen Ruhe im Zentrum. Eine zentrale Regel des Shabbat ist „Du sollst keine Arbeit tun”, weshalb beispielsweise kein Feuer gemacht werden darf und die Einheit in der man wohnt, nicht verlassen werden darf. Dies kann unter Umständen Fragen nach der Definition dieser „Einheit” aufwerfen und wurde in Jerusalem dadurch gelöst, dass ein symbolischer Draht um die Stadt gespannt ist und man sich am Shabbat in dem dadurch eingegrenzten Bereich frei bewegen kann. Außerdem erklingt in Jerusalem 40 Minuten vor Beginn des Shabbat (Sonnenuntergang am Freitagabend, heute 16:55 Uhr) eine Sirene. Weitere Vorgaben sind von den ehemaligen Arbeiten an der Bundeslade abgeleitet und betreffen somit Tätigkeiten wie beispielsweise das Bauen, die landwirtschaftliche Arbeit, das Schreiben und das Jagen. Nicht misszuverstehen ist das Arbeitsverbot als Begrenzung schwerer Arbeiten, vielmehr gilt es, schöpferische Tätigkeiten zu vermeiden um somit die göttliche Ruhe zu respektieren. Obwohl uns Tamar anschließend detailliert den Ablauf des Shabbat Gottesdienstes und des Essens erklärte, zeigte sich unsere Nervosität vor dem kommenden Abend durch zahlreiche Zwischenfragen zum richtigen Verhalten in den Gastfamilien und im Gottesdienst.

Lea und Yannik hatten für 12 Uhr eine kurze Mittagsandacht in der Erlöserkirche vorbereitet, an der unter anderem ein großer Teil der Gruppe teilnahm. Am Beispiel vom Kampf von Jakob am Jabbok (Gen 32, 23-33) verdeutlichte Yannik sein persönliches Ringen mit dem Glauben im Alltag und ganz besonders hier in Jerusalem.

Bis 14:30 Uhr gestalteten wir die verbleibende Zeit individuell, sodass einige sich bei strahlendem Sonnenschein im Gästehaus ausruhten und andere durch die Altstadt-Gassen bummelten.

Am Treffpunkt in der Synagoge im vielfältigsten Viertel der Stadt, lernten wir Debbie Wiseman, die Mitgründerin der Gemeinde Kehillat Yedidya kennen. Sie beantwortete uns alle Fragen zur Gemeinde, die schon 40 Jahre alt ist. Sie erklärte uns , dass sie sich auf der Basis ihrer feministischen Einstellung für die Gleichberechtigung von Frauen im jüdischen Gottesdienst einsetzt. Außerdem betonte sie, dass sich die jüdische von der christlichen Identität besonders durch ihre kulturelle und ethnische Komponente unterscheidet, was sich auch an der Verfolgung nicht religiöser Juden in der Zeit der Shoa zeigte. Debbie legte dar, dass die Shoa symbolisch für den Tod steht, dem der Shabbat als Feier des Lebens gegenüber steht.

Nachdem wir mit Debbie die Shabbatkerzen in der Synagoge entzündet hatten, teilten sich die einzelnen Gruppen in verschiedene Synagogen auf. Da jeder von uns Studierenden an diesem Abend individuelle Erfahrungen machte, werden wir im Folgenden von unserer ganz persönlichen Shabbat-Erfahrung berichten.

Wir, gemeinsam mit vier anderen Vegetarierinnen, machten uns auf den Weg zur Kehillat Zion (Zionsgemeinde), die den Shabbat in den Räumlichkeiten einer Schule feierte. Eingeleitete wurde das Gebet durch kurze Gesangs- und Meditationsworkshops. Während des Gottesdienst ist sehr viel gleichzeitig passiert. Auch wenn wir viele Elemente des traditionell jüdischen Gottesdienstes wieder erkennen konnten, waren wir sehr überrascht über die recht freie Umsetzung. Zunächst wurde 20 min lang gesungen, was für uns schön anzuhören war. Die Gemeindemitglieder verhielten sich insgesamt eher liberaler als erwartet. Die Männer trugen nicht alle eine Kippa, alle unterhielten sich während des Gebets, trugen Alltags-Kleidung, liefen herum und gestalteten das Gebet sehr individuell. Dies erleichterte uns und wir hatten weniger Angst, uns falsch zu verhalten. In der Zionsgemeinde erlebten wir einen besonderen Shabbat, denn die Familien luden nicht, wie üblich, nach Haus zum Essen ein. Stattdessen feierten alle gemeinsam in der schnell zum Speisesaal umfunktionierten Turnhalle. Nach einer Woche Ernährung auf Falafel-Basis genossen wir die unterschiedlichsten einheimischen Speisen und konnten an den unterschiedlichen Tischen an vielen spannenden und persönlichen Gesprächen teilnehmen. Die Familie an unserem Tisch erklärte uns alle Traditionen und Bräuche. Zu Anfang wurde der Wein gesegnet und nach einem traditionellen Händewaschen wurde das Brot gesegnet und geschnitten (Kiddush). Zwischen Händewaschen und Brotschneiden durfte nicht geredet werden, danach verlief das Essen aber sehr gewöhnlich und wir wurden als Gäste gut in die Gemeinde aufgenommen. Zum Abschied überreichten wir einige Gastgeschenke und machten uns auf den Heimweg. Alles in allem sicher ein Shabbat-Abend der besonderen Art den wir so schnell nicht vergessen werden. 

– Sophie und Jana

Tag 6: Yad Vashem und Zeitzeugengespräch

Am frühen Morgen begann der Tag damit, dass wir zum ersten Mal die öffentlichen Verkehrsmittel Jerusalems nutzten. Unser Ziel war die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. 

Bevor es jedoch in die Gedenkstätte ging, erfuhren wir etwas über den Herzlberg, der sich an die Gedenkstätte anschließt. Auf diesem Berg befindet sich auch das Grab von Theodor Herzl, dem Begründer der zionistischen Bewegung. Durch die zionistische Idee, das „Judenproblem” des 19. Jahrhunderts durch einen eigenen jüdischen Staat zu lösen, legte Herzl den Grundstein für die Gründung des Staates Israel. 

In der Vorgeschichte des Staates Israel spielte auch die Shoa eine wichtige Rolle. An diese wird in Yad Vashem erinnert. Neben einer, durch verschiedene Medien gestützten, Darstellung des historischen Verlaufs vermittelt die Gedenkstätte auch jüdisches Leben abseits des Holocaust. Kultur, Politik, Religion und auch die teils typisch deutsche Lebensweise der im deutschen Reich lebenden Juden, von denen viele im Ersten Weltkrieg gedient hatten, werden gezeigt.

Viel wird in der Ausstellung mit Zitaten und Berichten aus verschiedenen Perspektiven gearbeitet. Die dramatisch schnelle Entwicklung von der Ausgrenzung jüdischen Lebens durch Verbote hin zur brutalen Vernichtung wird eindrücklich durch das Zitat von Heinrich Heine beschrieben. Zu der Bücherverbrennung 1933 als erste öffentliche Massenaktion der Diskriminierung schrieb er: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.”
Das verheerende Ausmaß der Shoa wird schließlich in der Opferzahl von 6 Millionen ermordeten Juden deutlich. 

Der Teil der Ausstellung, der die Judenverfolgung nach Kriegsbeginn erzählte, begann mit einer Darstellung der Ghettos: Abgesperrten Stadtteilen, in denen Juden auf zu wenig Platz eingepfercht wurden.  Auch die Überlebende Ruth Berlinger, die wir am Nachmittag treffen durften, musste mit ihrer Familie in einem solchen Ghetto leben. Ihre Schilderung davon, wie sie als neunjähriges Kind zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester zunächst das Ghetto und nach der gemeinsamen Flucht auch das Leben im Versteck bewältigten, rührte viele von uns zu Tränen. 

Zwischenmenschlichkeit in extremen Situationen war auch eins der Narrative in der Ausstellung in Yad Vashem. Spannungen und gegenseitige Fürsorge prägten das Miteinander gleichermaßen. Auch in Ruths Geschichte spielte die Fürsorge eine große Rolle: Ihre Eltern halfen im Ghetto das Leben der Kinder durch ein Waisenhaus zu erleichtern. Auch für sie versuchten ihre Eltern die schreckliche Zeit erträglich zu machen. So baute ihr Vater mit ihr im Versteck ein Puppenhaus aus einfachsten Mitteln. 
Kulturelle Tätigkeiten bzw. die Beschäftigung „im Kopf” waren auch für viele andere Opfer der NS-Verbrechen innerhalb der verschiedenen Zwangslager wichtig. In der Ausstellung wurde zum Beispiel darauf verwiesen, dass auch religiöses Leben in den Lagern weiterhin stattfand. So etwas war insgesamt ein Akt des inneren Widerstandes: Etwas anders zu machen als die Bewacher es vorgaben, etwas eigenes zu produzieren. 

Ruths Geschichte und ihre herzliche Art haben uns alle sehr berührt. Viele bedankten sich nach dem Gespräch mit persönlichen Worten bei ihr. Wir alle waren uns einig, dass wir diese Erfahrung nicht vergessen werden. 

Ruth Berlinger überlebte den Holocaust, viele andere nicht. Zumindest die Namen der Verstorbenen zu sammeln hat sich die Gedenkstätte Yad Vashem zur Aufgabe gemacht. Auch die Bedeutung des Names Yad Vashem ist hier aufschlussreich: In Jesaja 56,5 steht geschrieben: „… denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben.”

Der weitere Lebensweg der Überlebenden des Holocaust war von vielen Schwierigkeiten geprägt. Tamar Avraham, die in den vergangenen Tagen unsere Gruppe begleitet hatte, verwies auf die Parallelen der Probleme, die 1945 auf heimatlose Überlebende zukamen, im Vergleich zu den Menschen, die heute durch Flucht und Vertreibung ohne Heimat sind. Aus der Geschichte etwas mitzunehmen, ist sicherlich das wichtigste bei diesem Thema. Es geht darum, humanistische Werte zu verteidigen. 

„Der Hass war nicht nur für die Juden eine Tragödie. Es ist eure Verpflichtung, dem Hass entgegenzutreten. Denn Hass zerstört all unsere Chancen und Möglichkeiten.”

Ruth Berlinger

– Sina und Ilka

Tag 5: Ab in die Berge

Nach 16 Kilometern und ca. 18.000 Schritten war die Andacht in der Erlöserkirche eine gute Möglichkeit, die Seele baumeln zu lassen und das Erlebte zu verarbeiten.
Aber von vorne…

Gut gestärkt starteten wir nach dem Frühstück in Richtung Ölberg. Unsere erste Station war die Kirche der Nationen, die ihren Namen den vielen Ländern zu verdanken hat, die sich an ihrer Errichtung beteiligt haben. Auch bekannt ist sie unter dem lateinischen Namen Basilica Agoniae Domini oder als Todesangstbasilika. Mit diesem Ausdruck soll an Jesus erinnert werden, der vor seiner Kreuzigung noch einmal an den Fuß des Ölbergs zurückkehrt, zu Gott spricht und mit den Worten „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! (Mk 14,36)“. Zum einen zeigt dies seine Menschlichkeit, im selben Zug aber auch, dass er Gottes Entscheidung akzeptiert. Symbolisch dargestellt wird diese Akzeptanz durch die bewusste Entscheidung gegen die Flucht durch die Wüste, die hinter dem Ölberg beginnt. In der Kirche soll dieses letzte nächtliche Gebet durch dunkle, mit Sternen bemalte Decken und wenig einfallendes Licht nachempfunden werden.

Durch den Garten Gethsemane begann unser Aufstieg auf den Ölberg. Diese Wanderung vorbei an dutzenden Oliven-, Feigen-, Mandel-, und Granatapfelbäumen bot nicht nur eine malerische Kulisse, sondern auch eine Möglichkeit sich in der Gruppe besser kennenzulernen. In den vielen kleinen Gesprächen konnten wir die Eindrücke und Erfahrungen der letzten Tage Revue passieren lassen.

Oben angekommen trafen wir die Pastorin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache, Gaby Zander, mit der wir am vergangenen Sonntag in der Erlöserkirche Gottesdienst feierten. Gemeinsam erklommen wir die 230 Stufen des Turms der Himmelfahrtkirche. Bevor wir den tollen Ausblick genießen konnten, mussten wir aber erst einmal zu Atem kommen – man, war das anstrengend! Von dort oben sahen wir nicht nur uns schon vertraute Bauwerke der Altstadt, sondern konnten bis weit in die Wüste auf die andere Seite des Ölbergs schauen. Die Kirche, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Wilhelm II gebaut wurde, atmet den Geist der Kaiserzeit. So sind die Kreuzfahrer im Deckengemälde der Kirche verewigt und der Kaiser selbst hat sich in den heiligen Thomas malen lassen. Die 100 eingetragenen Gemeindemitglieder, die häufig nur für einen begrenzten Zeitraum in Jerusalem leben, feiern ihre Gottesdienste meist in der Erlöserkirche und die Himmelfahrtkirche wird mit ihrer großen Sauerorgel, eine der besten im Land, eher für Konzerte genutzt. Unterstützt wird die Gemeinde von tatkräftigen Volontären, die in dem Café direkt neben der Kirche arbeiten. Das Café, ist nicht nur ein wichtiges Standbein der Gemeinde, sondern diente uns auch als Ort für eine kleine Verschnaufpause und einen kleinen Snack.

Nach dieser Erfrischung ging es top motiviert weiter. Unser nächster Halt war die Pater Noster Kirche, die an dem Ort erbaut wurde, an dem Jesus seinen Jüngern das Vater Unser gelehrt haben soll. Aus diesem Grund findet man an den Mauern dieses im 20. Jahrhundert gebauten Klosters Kacheln mit dem Vater Unser in über 170 Sprachen und Dialekten, so auch auf Plattdeutsch. Ganz besonderes Leben wurde diesem Gebet eingehaucht, als Tamar auf Hebräisch und Angelika auf Griechisch vorlasen.

Frei nach dem Motto „back to the roots“ kamen wir am Aussichtspunkt vorbei, an dem wir am ersten Tag den Sonnenuntergang über Jerusalem bewundern durften. Nun sahen wir die Stadt allerdings mit ganz anderen Augen: Viele der Gebäude kamen uns nun sehr bekannt vor und wir konnten die Erlebnisse der letzten Tage mit ihnen verknüpfen. Unter der Aussichtsplattform befindet sich der große jüdische Friedhof, der heute jedoch nicht mehr als Hauptfriedhof genutzt wird. Die kleinen Steine auf den Gräbern seien ein relativ moderner Brauch, erklärte uns Tamar.

Nicht weit entfernt erreichten wir die Dominus Flevit Kirche. Das Besondere an dieser Kirche war nicht nur die Form, die an eine Träne erinnern soll, sondern auch die Ausrichtung, die nicht, wie sonst üblich, nach Osten ist, sondern nach Westen mit Blick auf die Altstadt und auf die Grabeskirche.

Durch das Kidrontal ging es erst bergab und dann wieder bergauf durch das Zionstor zum Zionberg. Der Legende nach fand dort das letzte Abendmahl statt, auch wenn dies so nicht in der Bibel erwähnt wird. Außerdem befindet sich dort der als Davidsgrab verehrte Ort, der für alle drei Religionen (Judentum, Christentum und Islam) heilig ist.
Einen runden Abschluss bot uns die Andacht in der Erlöserkirche, womit wir wieder am Anfang unserer kleinen Geschichte wären.

– Kilian und Anne

Tag 4: Religiöse Vielfalt in Jerusalem

Auch heute trafen wir uns wieder früh mit Tamar, diesmal am Fuße des Tempelbergs oder wie die Muslime sagen: ‚Haram Ash Sharif’. Im Gegensatz zu gestern konnten wir nicht durch das Lions Gate als Gäste auf das Tempelplateau, sondern mussten, wie alle Touristen, durch die Sicherheitskontrollen, wo unsere Taschen durchleuchtet wurden. Uns fiel beim Eingang eine Gruppe von orthodoxen Juden auf, die von mehreren Polizisten eskortiert wurde. Tamar erklärte uns, dass die Anwesenheit von Juden auf dem Tempelberg inzwischen toleriert, aber aus Vorsichtsmaßnahmen kontrolliert und begleitet wird. Hierbei fiel uns noch einmal die starke Polizeikontrolle und Vorsicht auf, die hier vorherrscht.

Heute ist uns noch deutlicher klar geworden, wie problematisch die Situation am Tempelberg wirklich ist. Trotz der vielen Traditionen, die der Islam und das Judentum teilen — beispielsweise dass der Tempelberg als Zentrum der Welt gesehen wird — kann es zu keiner Einigung kommen, was für uns schwer zu begreifen ist.
Nach einem Rundgang auf dem Tempelberg, gingen wir anschließend in die Davids-Zitadelle. Der Ausblick vom höchsten Turm war überwältigend. Wir konnten die gesamte Altstadt betrachten. Beim Rundgang durch das Museum konnten wir die Geschichte der Stadt nachvollziehen. Es wurde beispielsweise dargestellt, wie der herodianische Tempel wahrscheinlich ausgesehen hat. Zudem konnte man sich die Davidsstadt im Modell ansehen und sehen, wie sich die Stadtmauern von Jerusalem im Verlauf der Zeit verändert haben. Durch die Räume, zu den verschiedenen Zeitabschnitten, sind uns wichtige historische Eckdaten noch einmal bewusst geworden. Besonders die Stadtmodelle, die verschiedenen Zeiten der Stadtgeschichte darstellten, halfen uns, einen Überblick zu der Stadtentwicklung zu bekommen. Nach einer Stunde Mittagspause trafen wir uns im Gästehaus zu einer erneuten inhaltlichen Einheit mit Tamar. Dieses Mal ging es um das Thema „christliche Konfessionen”. Sie erklärte uns, wie sich das Christentum aus dem Judentum heraus entwickelte. Nachdem das Urchristentum noch sehr einheitlich geprägt war, wie zum Beispiel durch den Missionar Paulus, entstanden im Laufe der Zeit unterschiedliche Konfessionen innerhalb des Christentums. Die Gemeinden unterscheiden sich dabei in ihren Glaubensvorstellungen und Traditionen. So lassen sich auch die Ansprüche der unterschiedlichen Konfessionen auf die Grabeskirche erklären. Zu diesen Konfessionen gehören die armenische, die griechisch-orthodoxe, die koptische, die äthiopische, die syrische und die katholisch-lateinische Kirche. Alle diese Gemeinden feiern zu unterschiedlichen Zeiten ihre Gottesdienste in der Grabeskirche. Die evangelische Kirche kam sehr viel später nach Jerusalem und hat deshalb keinen Anspruch auf die Grabeskirche. Ihr Zentrum ist die nahegelegene Erlöserkirche.

Nachdem wir viel Theoretisches über die verschiedenen Konfessionen gehört hatten, machten wir uns auf den Weg, um uns zwei der besprochenen Kirchen anzuschauen.

Zunächst besichtigten wir die griechisch-katholischen Kirche. Hier fielen uns als erstes die bunten Farben und goldene Akzente an Wänden und Decke auf. Diese Bemalungen sind typisch für orthodoxe Kirchen. Die Gemälde an den Wänden stellen die Geschichte von Jesus dar, angefangen bei der Verkündigung der Geburt Jesu, bis hin zum Pfingst-Ereignis. Auch typisch orthodox ist die golden verzierte Ikonostase, die den heiligen Altar vor der Gemeinde verbirgt. Diese Tradition ist angelehnt an die Verschleierung der Bundeslade im Judentum. Danach ging es endlich in die Grabeskirche, auf die sich viele von uns sehr gefreut hatten. Bei der Ankunft merkten wir schnell, wie überfüllt die Kirche von Touristen war. Im Allgemeinen hatten wir uns diesen Ort anders vorgestellt. Es konnte kaum eine besinnliche Stimmung aufkommen, bei den vielen Menschen, die warteten und drängelten, um den Berg Golgatha (Kreuzigungsort Jesu), die Salbungsstätte und das Grab Jesu berühren und küssen zu können. Durch die für uns sehr befremdlichen Glaubenspraktiken merkten wir schnell, wie unterschiedlich das Christentum ausgelebt wird und wie die hier vorherrschenden Glaubensvorstellungen sich vom unserigen, westlich geprägten Glauben unterscheidet. Wir entschlossen uns, gemeinsam an einem anderen Tag und zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederzukommen, um die Grabeskirche noch einmal in einer anderen Atmosphäre erleben zu können.

Am Abend nahmen einige aus unserer Gruppe noch am Gemeindeabend der Erlöserkirche teil. Jonas Blume von der KFW Entwicklungsbank der Bundesregierung hielt einen Vortrag über ihre Projekte in Gaza. Schwerpunkt der Entwicklungsförderung dort ist die Wasser- und Abwasserversorgung, die dort katastrophal ist. Die natürlichen Wasserressourcen werden permanent über-nutzt, was dazu führt, dass das Grundwasser versalzt und durch Abwasser und Dünger auch verseucht ist. Daher hat die KFW für 86 Millionen Euro in Gaza eine neue Kläranlage finanziert, die die Sanitär-Versorgung der über 2 Millionen Einwohner sichern soll. Das Refektorium war sehr gut gefüllt und viele beteiligten sich angeregt bei der anschließenden Diskussion.

Insgesamt können wir sagen, dass wir mit jedem Tag und mit jeder neuen Einheit einen tieferen Einblick in die Hintergründe dieser Stadt und die Menschen bekommen, die hier ihren Glauben auf unterschiedliche Weise ausleben.

– Jana und Charlotte

Tag 3: Zwischen Halbmond und Davidstern

Gut gestärkt vom Frühstück brachen wir, die einen mehr, die anderen weniger ausgeschlafen, auf, um den Felsendom und die Al-Aqsa Moschee auf der Spitze des Tempelbergs zu besichtigen. Über die Via Dolorosa ging es Richtung Lions Gate, wo wir unseren Guide Ahmed Abu Hadid trafen. Nachdem sich besonders die Teilnehmerinnen weite Röcke angezogen und das Haar mit einem Tuch bedeckt hatten, ging es über eine überraschend weitläufige und grüne Anlage, den Haram Ash Sharif, zu den Treppenstufen vor dem Felsendom. Der nach Mekka und Medina als dritt-heiligste Moschee bekannte Dom wurde von Omaijadenkalif Abdel Malik von 688 bis 691 erbaut und in weiteren Etappen restauriert. Der Haram el Sharif beeindruckte uns nicht nur durch seine unglaubliche Größe von 35 000 Quadratmetern, sondern auch durch den prunkvollen Felsendom, dessen Kuppel mit 80 Kilogramm Gold veredelt wurde. Für die Muslime ist er besonders wichtig, da im Felsendom die Spitze des Berges Moriah zu sehen ist, auf welcher die Himmelfahrt Mohammeds stattgefunden haben soll. Gerade deshalb war es auch ein besonderes Privileg für uns, die Moschee betreten zu dürfen, da Nicht-Muslimen der Zutritt zur Zeit in der Regel verwehrt wird. Sowohl außen, als auch innen, faszinierten der Felsendom und die Al-Aqsa Moschee mit reichen Verzierungen und Farben auf Decke, Teppich und Wänden.

Anschließend verließen wir die Tempelanlage durch das Chain Gate, um unsere Reiseführerin Tamar Avraham an der Klagemauer zu treffen. Hier mussten sich nun die Männer gemäß der jüdischen Tradition eine Kopfbedeckung aufsetzen. Obwohl wir bereits wussten, dass einige Jungen und Mädchen ihre Bar/Bat Mitzwa an der Klagemauer feiern, waren wir doch erstaunt, wie viele Feiergäste vor Ort ausgelassen feierten. Auch die angrenzenden Straßen waren von fröhlicher Musik und tanzender Menschen erfüllt, blaue und weiße Luftballons steigen in die Luft. Die vergnügten Menschen versüßten uns den Weg zum Davidson Center, einer archäologischen Ausgrabungsstätte an der West- und Südmauer der ehemaligen Tempelanlage, wo uns Tamar noch weitere Informationen über die Klagemauer vermittelte.

So wichtig wie die Moscheen auf dem Tempelberg für Muslime sind, so wichtig ist die Klagemauer für Juden. Anhand der Vielzahl von betenden Menschen an der Mauer, aufgeteilt nach Geschlecht, war dies auch ohne große Erklärungen von Tamar spürbar. Juden und Nicht-Juden standen an der Mauer und steckten sogenannte Kvittelchen in die Mauerritzen, auf denen üblicherweise Dankesbotschaften und Gelübde an Gott aufgeschrieben werden.

In der Ausgrabungsstätte, welche sich auf dem Areal unter der Al-Aqsa Moschee befindet, wurde uns das schiere Ausmaß, sowie der räumliche Zusammenhang des Tempelareals bewusst, welches heutzutage als Heiligtum von Juden und Muslimen angesehen wird. Da jedoch die Heiligtümer der Muslime von Juden nicht betreten werden dürfen, fühlen sich diese der Westmauer besonders verbunden und betreten das ehemalige Tempelareal meist nicht.

Auf den jahrhundertealten Stufen vor den Hulda-Toren sitzend, erzählte Tamar vom Tempel zu Jesu Zeiten, welcher dem von König Salomo, dem Sohn des König Davids, erbauten ersten Tempel nachempfunden war. Die genauen Angaben zum Aufbau werden in der Bibel ab Exodus 25 beschrieben. Unter anderem besteht dieser aus einem Vorhof, einem Altarraum für Tieropfer und dem Allerheiligsten. Letzteres durfte nur einmal im Jahr vom Hohepriester betreten werden und enthielt die Bundeslade und den Thronsessel Gottes.

Nach dem straffen Vormittagsprogramm, stand eine wohl verdiente Mittagspause im jüdischen Viertel an, wo sich alle nach Lust und Laune verpflegen durften.

Danach ging es mit schnellen Schritten in die südlich gelegene Davidsstadt, dem älteste Teil Jerusalems. Das Gründungsviertel ist heutzutage nur sehr wenig bebaut, da dort eine politisch aufgeladene und umstrittene Ausgrabungsstätte gegründet wurde, welche mutmaßlich den Palast von König David beherbergt. Auch hier wurde der Konflikt zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung deutlich, da die arabische Bevölkerung im angrenzenden Viertel Silwan wohnt und dort teilweise unter den Ausgrabungen durch Schäden an Haus und Grund leidet.

Mit all diesen Eindrücken ging es den steilen Berg hinauf zurück in die Altstadt zu unserem Gästehaus, wo wir noch einmal über die besondere Stellung des Tempels im Alten Testament aus christlicher und jüdischer Sicht sprachen. Nach 10,5 Stunden von Kopf- und Fußarbeit, ging es in den wohlverdienten Feierabend.

– Johanna und Sophie M.

Tag 2: Über den Dächern Jerusalems

Der heutige Tag fing mit der Sonne an, die uns schon morgens um 07.00 Uhr einen eindrucksvollen Blick von der Terrasse unserer wunderschönen Unterkunft erlaubte. Nicht nur der Ausblick, sondern auch das Essen und nicht zuletzt das Gästehaus selbst sind einfach toll.

Einige von uns machten sich schon vor dem Frühstück auf den Weg durch die Gassen der Altstadt, in denen man sich schnell verlaufen kann. Zum Glück haben wir den Weg zurück gefunden — da schmeckte der Morgenkaffe direkt noch besser.

Der erste Punkt auf unserem Tagesplan war der Abendmahls-Gottesdienst in der Erlöserkirche der Stiftungen der EKD im Heiligen Land. Der Sonntag Sexagesimae stand unter dem Wochenspruch: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht (Hebr. 3, 15).” Neben Predigt, Abendmahl und der bewundernswerten Stimme der Solosopranistin Heidi Vetter, die die gesamte Kirche erfüllte, sorgte die eh schon besondere Atmosphäre für einen gelungenen Start in den Tag und unsere Reise. Ungewohnt war jedoch für alle der Gebetsruf des Muezzins, der während des Abendmahls erklang. Spätestens jetzt waren die letzten in Israel angekommen und merkten, dass nicht nur eine Religion in Jerusalem vertreten ist.

Der Hunger meldete sich, und so machten wir uns auf den Weg durch den Souk, den Basar im Zentrum der Altstadt, zu einem Falafel-Stand. Nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis war unschlagbar, wir befanden uns außerdem auf einer der Straßen, die bereits zu Zeiten der Römer durch die Stadt führten. Ein Highlight waren die Lastenmotorräder, die sich scheinbar mühelos durch die engen Wege manövrierten. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder bei der Arbeit halfen, die Gerüche, die aus den kleinen Läden stömten, die vielen Menschen in den Gassen, das lebendige Treiben um uns herum zeigte einmal mehr einen und völlig fremden Alltag.

Nach einer kurzen Pause in unserer Unterkunft ging es direkt weiter zur Stadtmauer, die im 16. Jhd. Auf römischem Fundament vom osmanischen Sultan Süleyman I. erbaut wurde und nur im Südosten vom Tempelberg unterbrochen wird. Diese betraten wir über das Jaffa Tor an der Westseite der Altstadt. Während in der Davidszitadelle (Festung in der Altstadt), direkt nebenan, heute ein Museum ist, diente sie seit der Erbauung zu Zeiten von Herodes meist als Sitz der Regierenden. Die folgenden fünf Kilometer bestanden aus Treppenstufen, mit ständig wechselnder Höhe und dem einen oder anderen Stolperstein. All das lohnte sich aber sehr, denn von hier aus hatten wir die Dächer von Jerusalem immer im Blick. Unsere Reiseführerin Tamar Avraham verlor nie die Orientierung und kannte jeden Ziegel auf jedem Kirchturm, von denen wir einige zu sehen bekamen. Auch hier wurde uns die Vielfalt der verschiedenen Religionen noch einmal vor Augen geführt. Neben den vielen Kirchen erfuhren wir unglaublich viel über die vier Vier Viertel der bewohnten Altstadt, dem muslimischen Viertel im Nordosten, dem jüdischen Viertel im Südwesten, dem armenischen Viertel und dem christlichen Viertel im Nordwesten. Wieder wurde uns bewusst, wie beeindruckend es ist, dass so viele verschiedene Glaubensgruppen auf so engem Raum zusammenwohnen können. Trotzdem wurde ein gewisser Konkurrenzkampf der Viertel deutlich, der unter anderem durch einen riesigen Weihnachtsbaum im christlichen Viertel zum Ausdruck kam. Dieser ragte so hoch auf, dass er selbst von außerhalb der Mauer nicht übersehen werden konnte. Nach einer eher zum Schmunzeln anregenden Anekdote, wurde uns etwas mulmig. Es fielen Schüsse in der Altstadt, die Tamar jedoch nicht aus der Ruhe brachten. Es sei nicht ungewöhnlich, dass auch mal jemand auf Tauben schieße. Wir waren also in Sicherheit. Just in Time verließen wir kurz vor Schließung die Stadtmauer im arabischen Viertel am Löwen Tor.

Auf dem Weg zurück zum Gästehaus wuchs der zunächst eher nieselnde Regen zu einem starken Schauer an, der die schmalen Gassen in kleine Sturzbäche verwandelte. Für uns ein Graus, für die Einheimischen ein Segen, wurde der Wolkenbruch mit einem „Hallelujah!“ begrüßt.

Die nassen Jacken aufgehängt und mit Stift und Papier bewaffnet, ging es direkt weiter mit einer Studieneinheit mit Tamar über die Geschichte Jerusalems in der hebräischen Bibel. Hier konnten die Eindrücke vom Nachmittag direkt ganz anders gefestigt werden. Nicht seit Anbeginn der Zeit war Jerusalem der Mittelpunkt der verschiedenen Religionen. Erst David machte Jerusalem zur heiligen Stadt, wie sie in der Bibel beschrieben wird. Aber nicht nur zuhören, sondern auch Mitarbeit war in dieser Vorlesung von Tamar gefragt. Zum Schluss durften wir selbst in typischer jüdischer Art ein Bibelstudium in kleinen Gruppen durchführen und uns über unterschiedliche Bibelstellen austauschen.

Zum Abschluss dieses ereignisreichen Tages ging es zum selbst ernannten „King of Falafel“, einem kleinen Lokal in der Nähe unseres Gästehauses. Die Falafeln waren wirklich sehr lecker! Mit einer Abschlussbesprechung und Feedback-Runde ließen wir einen langen Tag gemeinsam ausklingen und beschlossen ihn mit einem gemeinsam gesungenen Abendlied. 

— Kilian und Vanessa

Tag 1: Die Reise geht los…

Freitag, 2.40 Uhr: Die Taschen sind gepackt, alles ist vorbereitet und die Vorfreude steigt – es kann losgehen. Die Studierenden von fünf verschiedenen Universitäten in Niedersachsen reisen nach und nach an – mit dem Zug, dem Bus oder dem Auto machen wir uns auf den Weg nach Berlin, von wo aus uns der Flieger nach Israel bringen wird. Um 7.30 Uhr treffen wir uns dann endlich am Flughafen Berlin Tegel und die Reise kann wirklich beginnen.

Der Flug vergeht ruhig und wir nutzen die Zeit, um den verpassten Schlaf nachzuholen. Es ist schön zu sehen, wie schon diese kurze Zeit uns als Gruppe näher zusammen gebracht hat. Die Einreise klappt problemlos. Bald ist alles Gepäck eingesammelt und wir sind auf dem Weg in die israelische Sonne. Wir schießen das erste Gruppenfoto, staunen über den blauen Himmel, genießen die Sonne und die frische Luft. Einige von uns stellen fest, wie anders alles hier riecht und wie fremd und doch wunderschön alles um uns herum ist. Mit der Sonne im Rücken fahren wir gen Jerusalem und auf der Fahrt hinauf lassen wir israelische und palästinensische Siedlungen hinter uns. Hier bekommt das Lied „Wir gehen hinauf nach Jerusalem” plötzlich einen ganz neuen Sinn. 

Der Bus bringt uns weiter hinauf, bis wir den ersten Blick auf die Jerusalemer Altstadt vom Ölberg aus erhaschen können. Wir halten an einem Aussichtspunkt und genießen das Panorama. Der Blick auf die Altstadt vor dem Hintergrund des rosa leuchtenden Himmels ist einfach atemberaubend und wir können nur vermuten, was uns in den kommenden Wochen erwarten wird.